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„Wir sind stolz auf uns“

„Wir sind stolz auf uns“

Der erhoffte Triumphzug bleibt bei der SPD-Party aus. Dennoch beschwören die Gäste den Zusammenhalt.

Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Oder zumindest hart landen. Nach der ersten Hochrechnung stöhnen die SPD-Wahlparty-Gäste in der Congresshalle kurz auf. Die CDU über 40 Prozent? Undenkbar. Die SPD unter 30 Prozent? Unfassbar. Man glaubt nicht, was die Riesenleinwand sagt: Zwei Wahlziele verpasst, weder die AfD verhindert noch selbst die stärkste Kraft im Landtag geworden. Dabei wirkte der üppig mit Rosen und SPD-Wahlkampf-Devotionalien aufgemöbelte Saal so, als sei er für einen Triumphzug hergerichtet, für Spitzenkandidatin Anke Rehlinger. Die kam, wie Bundesjustizminister Heiko Maas, erst nach 20 Uhr. Überraschenderweise waren dann die zunächst lichten Reihen weit dichter gefüllt. Jubel, Trubel, Heiterkeit fiel flach, nicht aber das, was auf dem gigantischen Plakat stand: Zusammenhalt.

Als Erster musste SPD-Bildungsminister Ulrich Commerçon vors Mikro - mit der "offiziellen" Lesart des unerwartet bescheidenen Ergebnisses, die sich später auch an vielen Stehtischen wiederfand. Die SPD habe einen selten dynamischen Wahlkampf, eine tolle Aufholjagd hingelegt. "Im Januar wären wir für sechs Prozent mehr noch dankbar gewesen. Es hat sich gelohnt zu kämpfen", sagt Commerçon später der SZ. Er beschwört, wie viele, den "Sieg der Demokratie", freut sich über eine phänomenale Wahlbeteiligung von fast 70 Prozent. Auch seien laut Umfragen fast 50 Prozent der Bürger mit der jetzigen Regierung, anders als unter Jamaika, zufrieden - für den SPD-Minister ein lupenreiner SPD-Verdienst. Folgerichtig kündigte er "weitaus härtere Koalitionsverhandlungen als beim letzten Mal" an: "Wir machen nicht mit beim Weiterso."

Den Schulz-Faktor bemüht Commerçon nicht. Vom Ende des Honeymoons der SPD mit ihrem Kanzler-Kandidaten will keiner reden. Generell schaut kaum einer der Gäste gen Berlin, lieber beschäftigt man sich mit dem "Amtsbonus" der CDU-Ministerpräsidentin, vor allem aber mit dem "Gespenst" Oskar Lafontaine. Der Linke-Chef, den viele SPDler immer noch als Verräter sähen, sei die eigentliche Ursache dafür, dass im Saarland Rot-Rot nicht zünde. Also hat Rehlinger alles richtig gemacht? Schuldzuweisungen an die Spitzenfrau, man hört sie an diesem Abend nirgends.

Die Landtagsabgeordneten Christiane Blatt und Magnus Jung meinen, die CDU habe von der "guten Arbeit" der SPD profitiert: "Wir sind stolz auf uns." Auch Umweltminister Reinhold Jost sieht die SPD "hoch erhobenen Hauptes" in die Koalitionsverhandlungen ziehen. Wenn die Erfolg hätten, müsse sich die CDU auf einen "sehr selbstbewussten" Juniorpartner einstellen.

Analysen waren selten. Eine lieferte SPD-Justiz-Staatssekretärin Anke Morsch. Sie schilderte eine Art Sandwich-Dilemma ihrer Partei. Viele SPD-Sympathisanten, die Rot-Rot befürworteten, hätten zur Sicherheit die Linke gewählt, andere, die für die Groko gewesen seien, die CDU. Die frühere SPD-Ministerin Margit Conrad diagnostiziert: "Rot-Rot war nicht sexy". Anke Rehlinger habe nichts falsch gemacht, vielmehr habe sich gezeigt: "Diese Frau hat Potenzial für die Zukunft."

Im Umfeld der Prominenz beobachtet man viele Umarmungen unter den Gästen, nicht wenige sind Tröstungsgesten. Gegenüber Journalisten gibt man sich gefasst. Doch wenn der einzige Jubel der ersten 90 Minuten just dann aufbrandet, als via Fernseh-Übertragung die Botschaft vom angekündigten Rücktritt des Grünen-Chefs Hubert Ulrich auftaucht, dann sagt das viel über die aktuelle innere Verfasstheit der SPD. Wahlkampf-Euphorie war gestern.