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"Wir haben denselben Hunger"

"Wir haben denselben Hunger"

Paris. "Der Mann, der es eilig hat": Mit dieser Beschreibung war in Frankreich bis jetzt meist Nicolas Sarkozy gemeint, dieser bis zur Rücksichtslosigkeit ehrgeizige Vollblutpolitiker, der so unverwüstlich an sich selbst glaubte, dass er auch die anderen mitriss

Paris. "Der Mann, der es eilig hat": Mit dieser Beschreibung war in Frankreich bis jetzt meist Nicolas Sarkozy gemeint, dieser bis zur Rücksichtslosigkeit ehrgeizige Vollblutpolitiker, der so unverwüstlich an sich selbst glaubte, dass er auch die anderen mitriss. Jetzt titulieren französische Medien Jean-François Copé ebenso, den neu gewählten Chef der bürgerlich-konservativen UMP, deren Generalsekretär er bereits seit 2010 war. In mehrerlei Hinsicht drängt sich ein Vergleich des 48-Jährigen mit Sarkozy auf, dem bisherigen Partei-Übervater, mit dem er lange in einem Konkurrenzverhältnis stand, bevor er ihn im Wahlkampf loyal unterstützte.Das betrifft zum einen eine sehr rechtslastige Parteilinie, die Berührungspunkte mit dem rechtsnationalen Front National nicht nur findet, sondern sogar sucht. Außerdem polarisiert auch Copé, der zu einer aggressiven Affront-Politik neigt. "Wir haben denselben Hunger", sagte er selbst. "Uns wurde nichts geschenkt."

Mit einem Vorsprung von nur 98 Stimmen und einer Mehrheit von 50,03 Prozent ging er als Überraschungssieger aus der UMP-Urwahl am Sonntag hervor. Sie war derart von Unregelmäßigkeiten überschattet, dass die Wahlkommission das Ergebnis erst am späten Montagabend bekanntgab - da hatte sich Copé selbst längst schon zum Gewinner ausgerufen, sehr zum Ärger seines Kontrahenten François Fillon. Der populäre frühere Premierminister galt als klarer Favorit. Doch die Meinungsforscher hatten Sympathisanten der Partei befragt, nicht die Mitglieder, die abstimmten. Sie hatte Copé im Wahlkampf gezielt angesprochen, während sich Fillon, auf seine staatsmännische Statur bauend, an die große Masse gerichtet hatte.

Copé ist ein Mann des Apparates, seit er jahrelang die UMP-Fraktion in der Nationalversammlung geleitet hat. Der Absolvent renommierter Elitehochschulen gilt als Chirac-Zögling, wurde mit 31 Jahren jüngster Abgeordneter, war zeitweise Regierungssprecher und stellvertretender Innen- und Budgetminister. Seit 1995 ist er Bürgermeister der Kleinstadt Meaux, nordöstlich von Paris. So wie er seinen Triumph über Fillon "mit den Zähnen" erkämpfte, so wird er auch als Oppositionschef die sozialistische Regierung scharf angreifen. Doch das monatelange Duell und der umstrittene Ausgang machen die UMP zu einer zerrissenen Partei und schwächen auch Copé. Zwar erklärte er, er wolle die politische Familie einen und bot Fillon in einer versöhnlichen Geste den Posten als Vize-Parteichef an.

Bislang trieb er aber eher die Spaltung voran, indem er sich vom sozialliberalen Kurs entfernte, was künftig den Zentristen um den populären Ex-Umweltminister Jean-Louis Borloo mehr Raum lässt. Mit seiner "Politik ohne Komplexe und Tabus" und einem scharfen innenpolitischen Kurs folgt Copé Sarkozys Strategie, gegen den Aufstieg des Front National dessen Themen zu besetzen. Zuletzt provozierte er mit der These eines zunehmenden "anti-weißen Rassismus" in der französischen Gesellschaft und der Geschichte von französischen Kindern, denen muslimische Mitschüler während des Ramadan die Schokoladen-Croissants aus der Hand gerissen hätten.

Damit verschreckt er nicht nur Teile der eigenen Partei, sondern erhält auch im Ausland den Ruf, ein "Fremdenhasser" zu sein - so bezeichnete ihn gestern die spanische Zeitung "El País". Doch Copé, der algerisch-rumänische Wurzeln hat, geht es darum, aufzufallen, um sich bestmöglich für die Präsidentschaftskandidatur 2017 zu platzieren, die ihm schon lange vorschwebt: Er hat es eilig.