Willkommen in der Unterwelt

Willkommen in der Unterwelt

Niedaltdorf. Das Hinweisschild "Tropfsteinhöhle" weist auf ein von außen völlig normal aussehendes Haus. Von der Straße aus führen einige Stufen hinab in einen großen Raum mit Theke, alter Leuchtreklame, Tisch und Stühlen sowie einigen Schautafeln

Niedaltdorf. Das Hinweisschild "Tropfsteinhöhle" weist auf ein von außen völlig normal aussehendes Haus. Von der Straße aus führen einige Stufen hinab in einen großen Raum mit Theke, alter Leuchtreklame, Tisch und Stühlen sowie einigen Schautafeln. Hier soll sich eine Tropfsteinhöhle befinden? Eine schlichte Holztür trennt den Empfangsraum von der Treppe, die hinab in die Höhle führt. 16 Stufen und einen Temperaturunterschied von rund zwanzig Grad Celsius später steht der Besucher am Eingang zur "Unterwelt".

Extrem schmal sind die Gänge, die hineinführen in das unterirdische Labyrinth. Je tiefer man eindringt, desto fantastischer erscheinen die Gesteinsformationen der unterirdischen Landschaft: Von der Decke hängen Tropfsteine wie riesige Eiszapfen herab, andere ragen wie kunstvolle Säulen in den Raum. Die Luft ist feucht und mit acht Grad angenehm kühl.

Seit zwanzig Jahren schon ist Alfred Kiefer der "Herr der Höhle". Er ist zuständig für die Sicherheit, wacht über den Erhalt der 1937 zum Naturdenkmal erhobenen Höhle und reinigt den unterirdischen Rundweg, wenn nach starken Regenfällen Wasser und Schlamm eingedrungen ist. Und das alles ohne Honorar. "Denn die Höhle", sagt Kiefer, "ist nicht rentabel". Dabei sei die Tropfsteinhöhle von Niedaltdorf etwas ganz Besonderes. Europäischen Höhlenforschern sei das Kleinod von Niedaltdorf zumindest aus der Literatur bekannt, erzählt Kiefer, der sich nach Beendigung seiner militärischen Laufbahn bei der Bundeswehr ganz der Tropfsteinhöhle gewidmet hat. "Letztes Jahr kamen 40 Höhlenforscher aus Ungarn hierher", berichtet er stolz.

Außergewöhnlich ist die Tropfsteinhöhle allein schon auf Grund der Tatsache, dass sie eine "Primärhöhle" ist. "98 Prozent der Höhlen in Deutschland sind Sekundärhöhlen, also Höhlen, die in bereits vorhandenes Gestein ausgespült wurden. Im Unterschied dazu werden Primärhöhlen durch Kalkanschwemmungen im Tal aufgebaut", erklärt Kiefer. Genau dies war in Niedaltdorf der Fall. Der Ortsteil von Rehlingen-Siersburg (Landkreis Saarlouis) befindet sich nahe der französischen Grenze.

Kalk aus dem Ihner Bach

"Die Entstehung der Höhle vollzog sich in mehreren Schritten", sagt Alfred Kiefer. Der Ihner Bach, der in Niedaltdorf in die Nied mündet, entspringt in einem Muschelkalkgebiet, wo vor Millionen Jahren ein Hochmeer war. Von dort spülte der Bach im Laufe der Jahrhunderte mit Kalk angereichertes Wasser, Muschelschalen und Pflanzenreste an, die sich an der Einmündung absetzten. So bildete sich ein poröser Kalkstein, der so genannte Tuff, der sich nach und nach weiter aufbaute. Bei Hochwasser fraß die Nied Furchen in den Tuff die späteren Höhlengänge. Später zog sich die Nied zurück. Der Kalktuff wurde weiter aufgebaut und überdeckte nach und nach die Furchen. Bis zu sechs Meter dick ist die Kalkschicht, die die Höhle umschließt.

Die Tropfsteine entstanden durch Regenwasser, das durch das Gestein drang. Wo Regentropfen von der Decke herabfielen bildeten sich Stalagtiten, wo die Tropfen auftrafen wuchsen Stalagmiten. Wo die beiden Formen zusammenwuchsen entstanden Stalagnaten.

Erdgeschichtlich betrachtet ist die Niedaltdorfer Tropfsteinhöhle nach Kiefers Angaben eine noch sehr junge Höhle: "Sie entstand vor nur 17000 Jahren, in der mittleren Steinzeit." Interessant sei die Tropfsteinhöhle insbesondere deshalb, weil sie als offenes System' entstand. "Die Höhle wuchs erst nach und nach zu. Während ihrer Entstehung gab es dort Pflanzen und Tiere", erklärt Alfred Kiefer. Entsprechend ungewöhnlich sind die Versteinerungen in der Höhle. So kann der Besucher unter anderem ein versteinertes Schwalbennest bestaunen.

Beim Hausbau entdeckt

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass die Tropfsteinhöhle heute überhaupt besichtigt werden kann. 1880 entdeckte der Niedaltdorfer Pierre Biehl die Höhle beim Bau seines Hauses. Doch da er damit nichts anzufangen wusste, benutzte er sie als Grube für den Bauschutt. Als das Haus im Ersten Weltkrieg zerstört wurde, wurde Biehls Sohn Willi beim Wiederaufbau auf die Höhle aufmerksam. Er hat die Höhle zu seinem Lebenswerk gemacht", erzählt Alfred Kiefer anerkennend. Willi Biehl, im Hauptberuf Gastwirt, begann schon als Kind damit, Querverbindungen in das Gestein zu hauen, um weitere Höhlengänge ausfindig zu machen. An Heilig Abend des Jahres 1928 gelang ihm der erste Durchbruch. 1933 war mit einem zweiten Querschlag der Rundgang in seiner heutigen Form vollendet. Bis heute befindet sich die Höhle im Privatbesitz von Willi Biehls Witwe Gillette Biehl. In Alfred Kiefer hat Willi Biehl einen würdigen Nachfolger gefunden. Kiefer begleitete Biehl zu Lebzeiten häufig in die Höhle, half aus, studierte Literatur zur Höhlenforschung und studierte später Geographie an der Universität des Saarlandes.

Auf einen Blick

Die Tropfsteinhöhle Niedaltdorf in Rehlingen-Siersburg ist von April bis Oktober täglich von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bis 18 Uhr geöffnet. Montags ist die Höhle geschlossen. Der Eintritt kostet 2,50 Euro für Kinder und 3,50 Euro für Erwachsene. Führungen finden jeweils zur vollen und zur halben Stunde statt.

Führungen für Gruppen sind nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Weitere Informationen gibt es unter: Tropfsteinhöhle Niedaltdorf, Neunkircher Straße 10, 66780 Rehlingen-Siersburg, Tel.(06833) 84 00. rae

Auf einen Blick

Die Tropfsteinhöhle Niedaltdorf in Rehlingen-Siersburg ist von April bis Oktober Dientags bis Samstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen bis 18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt kostet 2,50 Euro für Kinder und 3,50 Euro für Erwachsene. Führungen finden jeweils zur vollen und zur halben Stunde statt.

Führungen für Gruppen sind nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Weitere Informationen: Tel. (06833) 8400. rae