Wie man Franzose wird

Straßburg. Die ältere Dame aus Togo sitzt im langen Rock an einem kleinen Tisch, einen Kugelschreiber in der Hand. Wie in der Schule. Vorne steht die Lehrerin. In dem Raum schwitzen an diesem Vormittag etwa zwölf Kandidaten, die sich für den Sprachtest angemeldet haben. Sie wollen die französische Staatsangehörigkeit bekommen

Straßburg. Die ältere Dame aus Togo sitzt im langen Rock an einem kleinen Tisch, einen Kugelschreiber in der Hand. Wie in der Schule. Vorne steht die Lehrerin. In dem Raum schwitzen an diesem Vormittag etwa zwölf Kandidaten, die sich für den Sprachtest angemeldet haben. Sie wollen die französische Staatsangehörigkeit bekommen. Es sind Handwerker aus Nordafrika dabei, Inhaber kleiner Geschäfte, eine junge Frau aus Osteuropa und eine etwas ältere aus Mauritius. Für diesen Sprachtest braucht man einen Tag Urlaub und muss 90 Euro bezahlen. Seit dem 1. Januar 2012 ist er Pflicht für die Einbürgerung.Die Kandidaten bekommen zum Teil verzwickte Dialoge zu hören und müssen auf ihren Bögen die richtigen Antworten ankreuzen. Viel Zeit bleibt ihnen dafür nicht. 25 Minuten mit der Stoppuhr dauert der Test mit mehr als 20 Fragen, die Zeit vergeht rasend schnell. Reden, gestoppte dreieinhalb Minuten lang, muss man über Fragen wie "Was sollte der Staat tun, um die Integration zu fördern?" oder "Tut man zuviel für die Ökologie?".

"Zum Teil ist das schon sehr unfair", sagt die zuständige pädagogische Leiterin der Straßburger Handelskammer, Anna d'Aquin. "Wir haben Kandidaten, die seit Jahrzehnten einen Job hier haben und gut Französisch sprechen. Hauptsächlich beim Lesen hapert es. Dann fallen sie durch." So auch bei dieser Sitzung. Einige Teilnehmer sind am Schluss völlig verwirrt. "Ich habe die Fragen nicht gut verstanden. Dann habe ich Panik bekommen und konnte mich nicht mehr konzentrieren", sagt die 35-jährige Marie aus Mauritius, die in einem Geschäft in Straßburg arbeitet. Sie spricht fließend. Auf der Insel im Indischen Ozean ist Französisch noch weit verbreitet, auch wenn die Zeit der französischen Kolonialmacht schon seit über 200 Jahren vorbei ist. Auch die Dame aus Togo spricht ein einwandfreies Französisch. Ihr Land blickt auf eine lange französische Verwaltung zurück.

D'Aquin schätzt, dass sich pro Monat bis zu 40 Testteilnehmer melden. Etwa zwei Drittel von ihnen bestehen. Wer's nicht schafft, kann zwei Monate später einen zweiten Anlauf wagen.

Damit die Enttäuschung in Grenzen bleibt, wird gesiebt. "Wir machen eine Vorauswahl", sagt d'Aquin. "Bei manchen sehen wir sehr schnell, dass sie es nicht schaffen werden." Es wird gesiebt, und das ist die Kehrseite der oft beschworenen Integration. Der Einwanderungsdruck aus Nordafrika, Krawalle in verarmten Vorstädten, brennende Autos und eine zunehmende Angst vor radikalen Islamisten - all dies hat die französische Politik Einwanderern gegenüber verhärtet. Der Spruch von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy aus seiner Zeit als Innenminister, er werde die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger der Marke Kärcher von Gesindel reinigen, ist zum geflügelten Wort geworden. Die Zeiten, wo auch arbeitslose und kaum französisch sprechende Einwanderer sich ohne allzu große Schwierigkeiten einbürgern lassen konnten, sind lange vorbei.

Wie viele Ausländer sich in Frankreich dieser Prozedur unterziehen, ist schwer zu schätzen. Anfragen an das Innenministerium in Paris bleiben ohne Antwort. Statistiken gibt es offiziell nicht, da man nach dem republikanischen Prinzip die Volkszugehörigkeit nicht registriert. Nach Vermutungen französischer Medien sollen die Hürden - neben dem Sprachtest ein Paket an Unterlagen bis hin zur Heiratsurkunde der Eltern - jetzt einen massiven Rückgang der Einbürgerungen gebracht haben.

Am Rande

In der Bundesrepublik können Einwanderer immer besser Deutsch. Im ersten Halbjahr 2012 haben erstmals fast 58 Prozent der Migranten den Integrationskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge mit der Bestnote abgeschlossen. Von den insgesamt 48 191 Prüfungsteilnehmern hätten 27 819 oder 57,7 Prozent das höchstmögliche Sprachniveau B1 erreicht, teilte das Bundesamt in Nürnberg gestern mit. 34,4 Prozent hätten mit dem darunter liegenden Sprachniveau A2 abgeschlossen. 7,9 Prozent der Teilnehmer hätten indes keine ausreichenden Sprachkenntnisse nachweisen können. 2011 schafften laut Bundesamt von 49 777 Teilnehmern 53,8 Prozent das Sprachniveau B1. Es sagt aus, dass sich die Absolventen in deutscher Sprache verständigen und selbstständig am Leben teilnehmen können. dapd

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