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Wie Frankreich das Saarland im Zugverkehr abhängt

Wie Frankreich das Saarland im Zugverkehr abhängt

Die Deutsche Bahn sieht in der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke Paris-Straßburg, die morgen in Betrieb geht, keine Bedrohung für die Konkurrenzstrecke Paris-Saarbrücken-Frankfurt. Doch es gibt Zweifel.

Es kann den Franzosen nicht schnell genug gehen. Mit ihrem Hochgeschwindigkeitszug TGV (train à grande vitesse) hat die Grande Nation sogar schon einen Weltrekord aufgestellt: Spitzentempo 574, erreicht am 3. April 2007 auf einem Teilstück der Strecke Paris-Straßburg, zu sehen auch heute noch in zahlreichen You-Tube-Clips im Internet.

Morgen geht die Rekordjagd in eine neue Dimension, die jetzt auch beunruhigende Folgen für das Saarland mit sich bringt. Erstmals verbinden die Franzosen mit im Schnitt Tempo 320 zweimal täglich die Metropolen Paris und Straßburg. Die Fahrzeit verkürzt sich um über 30 Minuten auf 140 Minuten. Der Reisende hat künftig die Wahl: Er kann zwischen Paris und Frankfurt über Saarbrücken in 232 Minuten am Ziel sein oder über Straßburg in 218 Minuten. Zwei Milliarden Euro haben die Franzosen in die Hand genommen, um den 106 Kilometer langen Abschnitt zwischen dem lothringischen Baudrecourt und Vendenheim im Elsass auf Rekordtempo zu trimmen. Die SNCF hat schon über 100 000 Tickets zu Spotpreisen um die 15 Euro auf den Markt gebracht, um den Zug zu einem schnellen Erfolg zu machen. Ein Erfolg, der die Zukunft der Konkurrenzstrecke Paris-Saarbrücken-Frankfurt in Frage stellt. Carsten Peter, Experte für Verkehrsfragen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Saarland, befürchtet sogar: "Praktisch besteht die Gefahr, dass die Verbindung über Saarbrücken ganz wegfällt."

Dieser schleichende Prozess hat seinen Anfang schon vor einiger Zeit genommen mit der Erklärung der SNCF, eine der fünf täglichen Fahrten zwischen Frankfurt, Saarbrücken und Paris zugunsten der neuen Strecke Paris-Straßburg-Stuttgart zu streichen. Das Vermarktungsunternehmen "alleo" von Deutscher Bahn und SNCF für den grenzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsverkehr wurde von Saarbrücken nach Straßburg verlegt. Französische Städte entlang der neuen Trasse, vor allem Straßburg, haben Millionen-Investitionen getätigt, um durch den TGV mehr Menschen anzulocken. Auch solche Investitionen müssen sich erst einmal bezahlt machen.

Sowohl der IHK-Experte Peter, als auch der Landesvorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Ralf Damde, sehen jetzt die Bundespolitik am Zug, um eine dauerhafte Benachteiligung der deutschen Strecke zu verhindern. Die Bundesregierung bevorzuge jedoch derzeit eindeutig die Straße gegenüber der Bahn, kritisiert Damde. Jüngstes Beispiel sei die Diskussion um höhere Trassenpreise für die Streckennutzung, die laut Damde nach dem Willen der Politik erhöht werden sollen. Bezahlen müsse dies dann der Fernverkehr und der Kunde durch steigende Fahrpreise. Dies schwäche die Wettbewerbsfähigkeit der Hochgeschwindigkeitsstrecke über Saarbrücken noch weiter, denn Frankreich plane keine Erhöhung der Trassenpreise. "Was will die Bundesregierung wirklich: Ausbau der Straße oder der Schiene?", fragt sich auch IHK-Fachmann Peter. Er sieht zudem die französische Regierung in der Pflicht. Die Franzosen hätten nichts getan, um den Abschnitt zwischen Baudrecourt und Saarbrücken, auf dem die Züge heute im Schnitt mit Tempo 80 schleichen, auf Hochgeschwindigkeitsniveau zu bringen, wie es eine Vereinbarung von 1992 im Staatsvertrag von La Rochelle vorsieht, der als Geburtsstunde des deutsch-französischen Hochgeschwindigkeitsverkehrs gilt. Unterzeichnet wurde dieser Vertrag vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Staatschef François Mitterrand .

Der IHK-Experte verweist zudem auf eine erst kürzlich erfolgte Untersuchung unter Federführung der saarländischen Landesregierung, des Landes Rheinland-Pfalz sowie mehrerer Industrie- und Handelskammern. Demnach würde es eine Milliarde Euro kosten, die Strecke über Saarbrücken durch einige Baumaßnahmen auf deutscher Seite so schnell zu machen wie die Konkurrenzverbindung. Die Auftraggeber der Studie haben deshalb Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU ) aufgefordert, die Baumaßnahme in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans aufzunehmen. Doch Berlin schweigt.

Jürgen Konz, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für das Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen, glaubt an eine gesicherte Zukunft der Strecke über Saarbrücken. Von 2007 bis 2016 seien 12,7 Millionen Fahrgäste auf beiden Strecken von Frankfurt nach Paris gefahren, davon sieben Millionen über Saarbrücken. Von hier aus sind bisher über 1,2 Millionen Fahrgäste nach Paris gereist. Für Geschäftsleute mit Terminen in Paris seien die Abfahrtszeiten am frühen Morgen in Frankfurt über Saarbrücken und die Spätverbindung ab Paris über das Saarland attraktiver als die Alternative über Straßburg.

In drei Jahren wird erneut über die Zahl der Verbindungen entschieden. Die Landesregierung müsse sich deutlich stärker einbringen, so Carsten Peter. Wie sagt er doch so schön: "Es ist höchste Eisenbahn."

Meinung:

Die Saar-Politik schläft tief

Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Über die Haltung der Landesregierung zu den Zuganbindungen im Hochgeschwindigkeitsverkehr kann man sich nur wundern. Da sitzt in Berlin an den Schalthebeln der Macht so viel Saar-Prominenz wie nie zuvor: Peter Altmaier (CDU ), Heiko Maas (SPD ) und Simone Peter als Bundesvorsitzende der Grünen. Zudem gehört auch der ehemalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU ) sogar zum Bahnvorstand, eine Steilvorlage für Saar-Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer. Er kann vermitteln. Doch die Saar-Politiker in Berlin wie in Saarbrücken schlafen tief. Es gibt seit Jahren kaum hörbaren Protest gegen den schleichenden Abbau von Zugverbindungen und Bahn-Personal an der Saar. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei von Kramp-Karrenbauer als oberste Verfechterin der regionalen Frankreichstrategie vor Ort bei der dortigen Regierung und der SNCF? Sie muss auch in Paris auf gleiche Wettbewerbsbedingungen für beide Strecken pochen. Das Saarland wird immer weiter abgehängt. Und der Bundesverkehrsminister wird wohl nicht eine Milliarde Euro in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans aufnehmen, um die ICE/TGV-Strecke über Saarbrücken so schnell zu machen wie die über Straßburg. Dobrindt und die Bundesregierung haben andere Prioritäten. Die liegen nicht im Saarland.