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Wie der "furchtlose Felix" das Fürchten lernte "Man muss schon ein wenig verrückt sein"

Wie der "furchtlose Felix" das Fürchten lernte "Man muss schon ein wenig verrückt sein"

Washington. Mit jedem Meter, den der Helium-Ballon mit der Kapsel höher in die Stratosphäre aufstieg, wuchs die Zahl der Zuschauer, die das Spektakel über den Live-Stream von YouTube verfolgten

Washington. Mit jedem Meter, den der Helium-Ballon mit der Kapsel höher in die Stratosphäre aufstieg, wuchs die Zahl der Zuschauer, die das Spektakel über den Live-Stream von YouTube verfolgten. Das Schauspiel an der Schwelle zum Weltraum erlebte seinen Höhepunkt im Cyberspace als Felix Baumgartner mit dem Satz "Manchmal musst du ganz weit aufsteigen, um zu verstehen, wie klein du wirklich bist" den Wahnsinns-Sprung wagte. Acht Millionen Zuschauer verfolgten zu diesem Zeitpunkt das von Red Bull gesponserte Ereignis auf der Internet-Plattform YouTube.Der 43-jährige Österreicher brauchte nicht die rote Energie-Limonade, um seinen Pulsschlag zu erhöhen. "Es war sehr viel schwerer, als ich dachte", beschreibt er den freien Fall durch die dünne Luft, der ihn mit 1342 Stundenkilometer auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigte. Dem perfekten Absprung folgte eine Phase des schieren Horrors. Baumgartner taumelte, überschlug sich und begann sich unkontrolliert um die eigene Achse zu drehen. "Das war brutal", erinnert er sich. "Ich dachte, ich verliere das Bewusstsein."

Für den Fall der Fälle hatte das Team einen Stabilisierungsschirm in den Astronauten-Anzug integriert, der die Drehungen abgebremst hätte. Nur ging der Schirm noch nicht auf. Baumgartner versuchte, den Sturz selber unter Kontrolle bekommen. Erst mit einem Arm, dann mit dem anderen. "Ich musste unter Höchstgeschwindigkeit einiges da oben probieren." Sprichwörtlich erschwerend hinzu kam der Druckanzug, den Baumgartner trug. Ein Kleidungsstück, das ihm von Beginn seiner fünfjährigen Vorbereitungszeit an zu schaffen machte. Der "furchtlose Felix" erlitt während des Trainings Panik-Attacken in dem Anzug und brauchte die Hilfe von Psychologen, seine Platzangst zu überwinden. "Das Problem in so einem Druckanzug ist, dass du die Luft nicht spürst, es ist wie Schwimmen, ohne das Wasser zu berühren." Deshalb habe es eine Weile gedauert, den richtigen Dreh zu finden, das Trudeln zu stoppen.

Und dann war da noch der Visierschirm, der beschlug, weil die Heizung nicht funktionierte. Auf dem Weg nach oben versuchte Baumgartner das Problem zu lösen. Ohne Erfolg. "Ich war darauf eingestellt, blind zu springen". Als er nach vier Minuten und 20 Sekunden aufrecht im Wüstensand von New Mexiko landete, hatte er drei Rekorde gebrochen.

Nie zuvor war ein Mensch aus so großer Höhe im freien Fall zu Erde gestürzt. Und keiner beschleunigte so sehr wie Baumgartner, der die Schallmauer durchbrach. Was er nicht schaffte, war Joe Killingers Zeit im freien Fall zu erreichen. Der bisherige Rekordhalter blieb 1960 ein paar Sekunden länger in der Luft.

Ob der Wahnsinns-Sprung einen wissenschaftlichen Nutzen hat, werden die Daten zeigen, die in den kommenden Tagen ausgewertet werden. Experten erhoffen sich, Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Anzugs und die Reaktion des menschlichen Körpers in dieser Extremsituation zu bekommen. Erkenntnisse, die für die Entwicklung des Weltraumtourismus nützlich sein könnten.

Red Bull hat in jedem Fall gewonnen. Der Hype um Baumgartners riskanten Sprung half dem österreichischen Brause-Hersteller, seine Marke global zu etablieren. Ganz nebenbei profitierten auch Facebook und Twitter, die den "alten Medien" die Schau stahlen.

Der "furchlose Felix" ist derweil froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. In 39 Kilometern Höhe habe er weder an Rekorde noch an wissenschaftliche Daten gedacht. "Du willst einfach nur lebend zurückkommen." Seiner Freundin versprach der Wagemutige, jetzt nur noch auf Rettungseinsätze als Hubschrauberpilot gehen.Aus Sicht eines Fallschirmspringers: Wie spektakulär war Felix Baumgartners Stratosphäresprung wirklich?

Jens O.: Es ist sehr beeindruckend, was Baumgartner und sein Team geschafft haben. Als Fallschirmspringer bin ich stolz darauf. Die Absprunghöhe ist außergewöhnlich. Das zeigt sich auch daran, dass Baumgartner mehrere Testsprünge aus geringerer Höhe absolviert hat, bevor er den eigentlichen Sprung wagte, und dass es zuletzt in den 1960er Jahren geglückt ist.

Wie gefährlich war der Sprung?

Jens O.: Eine der größten Gefahren bei Fallschirmsprüngen aus großen Höhen ist Bewusstlosigkeit. Dann könnte der Springer seine Freifallposition mit ausgestreckten Gliedmaßen verlieren und ins Trudeln geraten. Das kann Probleme beim Auslösen des Fallschirms verursachen. Zu Bewusstlosigkeit kann es entweder durch Sauerstoffmangelerscheinungen kommen oder wenn zu starke Gravitationskräfte auf den Körper des Springers einwirken.

Erfordert so ein Sprung spezielle Fähigkeiten oder könnte jeder erfahrene Fallschirmspringer das schaffen?

Jens O.: Ich bin sicher, dass wir jemanden aus der Luftlandebrigade 26 soweit bringen könnten, wenn er den entsprechenden Enthusiasmus und Wagemut mitbringt. Man muss ja schon ein bisschen verrückt sein, um so etwas zu machen. Es bräuchte außerdem einige Jahre Training. Das Material und die Bedingungen bei Baumgartners Sprung unterscheiden sich sehr stark von unseren Einsätzen. Wir erreichen in der Regel Geschwindigkeiten zwischen 200 und 250 Stundenkilometern. Außerdem trug Baumgartner einen Druckanzug.

Der wissenschaftliche Nutzen des Stratoshäresprungs ist umstritten. Können Fallschirmspringer aus den gesammelten Daten Erkenntnisse ziehen?

 Baumgartners Gesicht in Großaufnahme auf dem Bildschirm im Kontrollzentrum. Foto: dpa
Baumgartners Gesicht in Großaufnahme auf dem Bildschirm im Kontrollzentrum. Foto: dpa
 Baumgartners Gesicht in Großaufnahme auf dem Bildschirm im Kontrollzentrum. Foto: dpa
Baumgartners Gesicht in Großaufnahme auf dem Bildschirm im Kontrollzentrum. Foto: dpa

Jens O.: Für militärische Einsatzverfahren sind die Erkenntnisse des Sprungs aus meiner Sicht nicht nutzbar. Sonst hätte das amerikanische Militär in den 1960er Jahren das auch weiterverfolgt und weitere Tests gemacht. Der Sprung erfolgte aus einer Höhe, die wir für unsere Einsätze nicht erreichen. Wir springen höchstens aus etwa 8000 Metern ab. Diese Höhe soll jedoch auf 10 000 Meter ausgebaut werden, um durch eine größere Gleitstrecke noch tiefer in Einsatzgebiete eindringen zu können.