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Wenn Elvira mit Deutschland spielt

Wenn Elvira mit Deutschland spielt

Wieder ein Rekord-Sommer und wieder ein beunruhigendes Wetterphänomen: Das „Tief Mitteleuropa“ mit seinen Sturzbächen hatte das Land über Monate fest im Griff. Auch in Zukunft stehen die Zeichen auf Extremwetter.

Autos trieben wie Spielzeuge über die Dorfstraßen, Sturzbäche zwängten sich durch Häuser und fegten mit gewaltiger Kraft alles beiseite - die wie aus dem Nichts eingetretenen Flutwellen in Braunsbach (Baden-Württemberg), kurz darauf in Simbach (Bayern) und dann in Dirmingen (Saarland) verstörten im Frühsommer nicht nur die Anwohner. Kann das jetzt eigentlich überall passieren in Deutschland?, fragten sich nicht nur die Saarländer. Es kann, lautete gestern die Antwort des Deutschen Wetterdienstes, der eine erste Bilanz des Sommers 2016 vorstellte.

Eigentlich war im ersten Halbjahr alles normal in Deutschland: Eher wechselhaft, keine besonderen Ausschläge bei den Temperaturen. Von den Rekorden, die das Jahr 2016 weltweit schreibt - der Juli ist der wärmste je gemessene Juli seit 1880, und das Jahr wird insgesamt wohl das heißeste aller Zeiten werden - war wenig zu spüren. Hierzulande trat die Hitze erst Ende August ein und sorgte bislang für einen ungewöhnlich warmen September. Der heißeste Ort des Jahres in der gesamten Bundesrepublik war Burbach. Sage und schreibe 37,9 Grad zeigte das Thermometer am 27. August im Saarbrücker Stadtteil. Auch die Niederschläge verhielten sich "unauffällig", wie der Wetterdienst sagte. Die üblichen Dürren im Osten inklusive. Wenn da nicht der Frühsommer gewesen wäre.

Da lag erst das Tief Elvira stabil über Deutschland, danach das Tief Friederike. Beide schaufelten warme, feuchte Luft aus dem Mittelmeer nach Norden, die sich dort abregnete. Das Besondere in diesem Jahr: Die Tiefs bewegten sich kaum von der Stelle. Zehn Tage in zwei Wochen und einmal sogar sieben Tage am Stück lagen sie regungslos über Süddeutschland - mit der Folge, dass der Regen sich nicht verteilte, sondern örtlich sehr stark werden konnte. Auch tauchten immer wieder starke Gewitterzellen auf, wie Popcorn im Ofen. Das führte örtlich zu Niederschlagsmengen von bis zu 100 Litern pro Tag und Quadratmeter. Konsequenz: Katastrophengefahr.

Der Deutsche Wetterdienst nennt als Hintergrund eine Kombination aus Klimawandel und dem Wetterphänomen El Niño im Pazifik, das global in regelmäßigen Abständen für Verschiebungen der Luftströmungen sorgt. Die Wetterlage nennt sich "Tief Mitteleuropa". Sie ist bekannt, aber eher selten. Die Projektion der Klimaexperten geht davon aus, dass sie künftig häufiger auftreten wird, etwa sieben Tage im Jahr mehr als bisher. Zwar werde das nicht geradlinig verlaufen, "aber Katastrophen werden sich häufen und die Intensität nimmt zu", so der Vizepräsident der Wetter-Behörde, Paul Becker. "Das kann an jedem Ort auftreten." Tornados, Hitzewellen in den Städten, Schneemangel in den Alpen und Dürren sind weitere Phänomene, die der Klimawandel nach Deutschland bringt. Schon der bisherige Schaden im Jahr 2016 wird auf rund 2,6 Milliarden Euro geschätzt.

Was tun? Maria Krautzberger von Umweltbundesamt hält neben der internationalen Klimapolitik die Vorsorge durch Städte und Landkreise für unabdingbar. Das von ihr vertretene und empfohlene Konzept heißt "Schwammstadt". Die Kommunen sollen bei Planung und Bau darauf achten, dass Wassermassen versickern können oder sich unschädlich in Senken und auf Sportplätzen sammeln. Krautzberger verwies auf das Beispiel Hamburg, das versucht, mit Dachbegrünungen die Fließgeschwindigkeit zu verringern. Oder Unna, das eine Gefahrenkarte für Starkregenereignisse erstellt hat, so dass alle Beteiligten die möglichen Strömungsverläufe erkennen können.

Laura Ockenfels kühlt sich am Burbacher Waldweiher ab. Auch gestern herrschten dort Temperaturen über 30 Grad. Foto: Becker&Bredel. Foto: Becker&Bredel

Unmittelbar nach den Flutkatastrophen des Frühjahrs hatte schon der Verband Kommunaler Unternehmen gefordert, solche Wetterphänomene in Bau und Planung stärker einzubeziehen. Auch der einzelne Hausbesitzer sei nicht von Verantwortung frei, so Becker. Das beginne schon damit, dass Haustüren Schwellen haben müssten, die hoch genug sind. Becker: "Wir brauchen eine neue Kultur im Umgang mit Naturgefahren."