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Wenn aus Kühen Hühner werden

Wenn aus Kühen Hühner werden

Immer wieder sinkt der Milchpreis auf ruinöse Tiefstände. Viele Bauern haben deshalb aufgegeben oder umgestellt, auch im Saarland.

Noch vor einem Jahr war auf dem Wiesenhof in Ihn bei Saarlouis bereits morgens lautes Muhen zu hören - jetzt gackern dort hunderte Hühner. Harald Tintinger, der sein Leben lang Kühe hatte, hat die Milchproduktion aufgegeben. Nur noch ein wenig Jungvieh ist geblieben - der leer stehende Rinderstall wird für die Hühnerhaltung umgebaut. "Das war schwer, diesen Schritt zu gehen", sagt Tintinger rückblickend.

Tintinger ist Milch-Bauer in der dritten Generation. "Wir waren immer Kuh-Leute", sagt er. Zuletzt hatte er noch 65 Milchkühe auf dem Hof. Zu wenig, um einen Mitarbeiter einzustellen. Und auch zu wenig, um bei dem ruinösen Milchpreis noch zu überleben. "Die desolaten Milchpreise waren ein Grund für meine Entscheidung", sagt Tintinger. Der andere Grund allerdings war der fehlende Nachfolger. Sohn Kevin ist Schlosser auf der Dillinger Hütte. Er war zwar bereit, den Hof im Nebenerwerb weiterzuführen, allerdings nicht mit Kühen. Und auch die Tochter, die bei einem Steuerberater arbeitet, kam als Nachfolgerin nicht infrage. "Deshalb haben wir uns schweren Herzens entschlossen, die Kühe abzugeben", sagt Tintinger. Stattdessen setzt er auf Hühner. 900 hat er bereits, über 2000 sollen es werden.

Viele Bauern geben den Milchbetrieb auf. Auslöser ist auch der ruinöse Preis, den sie von den Molkereien und dem Handel bekommen. Der schwankt seit Jahren massiv - während Bauern 2007 für den Liter noch über 40 Cent bekamen, waren es 2009 nur noch knapp 22 Cent. Und auch in den vergangenen zwei Jahren lag der Preis deutlich unter 30 Cent. "Es ist aber nie der Milchpreis alleine, der Bauern zum Aufgeben bewegt", sagt Richard Schreiner, Präsident der saarländischen Landwirtschaftskammer. "Es gibt immer auch einen anderen Grund." Doch der Milchpreis beschleunigt häufig die Entscheidung. 5000 Betriebe haben nach Angaben des Bundesagrarministeriums in der Marktkrise der vergangenen zwei Jahre die Milchproduktion eingestellt. Knapp 2000 Höfe stellten zwischen November 2015 und Mai 2016 ein, die Zahl der Milchviehbetriebe sank auf 71 300.

Dass Bauern mit der Milchproduktion aufhören, liege aber oft auch daran, dass es keine Nachfolger gibt, sagt Schreiner. Wenn dann auch noch Investitionen anstehen, entscheidet sich mancher für das frühe Aus. Bei Tintinger war es am Ende solch eine Kombination. "65 Kühe sind letztlich nicht genug, um Mitarbeiter einzustellen", sagt er. "Ich hätte viel Geld in die Hand nehmen müssen, um den Hof für die Zukunft neu aufzustellen."

Auch bei Wolfgang Finkler in Wadern war es letztlich die Frage nach der Zukunftsperspektive, die ihn zum Aufgeben bewegt hat. Der 62-Jährige hat Ende 2015 beschlossen, seinen Bauernhof umzukrempeln. Zuvor hatte er extern nach einem Nachfolger gesucht - die Tochter hat einen Bäckerladen, den Hof wollte sie nicht übernehmen. Doch die möglichen Nachfolger hatten alle nicht den nötigen Biss. "Da muss man mit ganzem Herzen dabei sein", sagt Finkler. Kurz nach Weihnachten stand für ihn fest, dass er aufhören werde: "Ich habe meine Kühe gestreichelt und ihnen gesagt: ‚Das war es jetzt.‘" Nach und nach hat er sie verkauft. Heute verpachtet er einen Teil des Landes, auf den übrigen Äckern baut er Grünfutter und Getreide an. Ganz aufhören will auch er nicht: "Ich bin mit der Scholle verwachsen", sagt Finkler. Gemeinsam mit seiner Tochter überlegt er, was er mit den leer stehenden Hallen machen kann. "Hühner oder Schweine wären möglich." Entschieden sei aber noch nichts. Sein Leben habe sich jedenfalls deutlich geändert: "Ich kann jetzt länger schlafen und gehe jeden Tag spazieren. Das habe ich früher nie gemacht."

Mehr solcher Freizeit hätte sich auch Hartmut Sandmeier gewünscht: Bei ihm sah alles nach einem geordneten Übergang aus, als sein Sohn - seit zehn Jahren im Betrieb - eine Stelle beim Zuchtverband annahm. Eine Entscheidung, die die Zukunft des Kahlenberger Hofs in Blieskastel-Böckweiler wieder infrage stellt. Denn auch die jüngeren Söhne und die Tochter stehen nicht zur Verfügung. Sandmeier hat einen Teil-Rückzug gestartet und den Kuhbestand von 92 auf 55 reduziert. Komplett aufgeben will er nicht - obwohl er durch die Tiere stark angebunden ist. Ein Leben ganz ohne Kühe kann er sich einfach nicht vorstellen. "Wenn allerdings der Milchpreis noch einmal richtig runtergeht, dann bin auch ich raus", sagt er.

Dass Bauern wie Sandmeier, Finkler oder Tintinger es sich überhaupt leisten können, ihren Kuhbestand zu reduzieren, liegt auch daran, dass sie in den vergangenen Jahren nicht groß investiert haben. "Wer seine Ställe ausgebaut und modernisiert hat, muss auch bei niedrigen Milchpreisen und bei Nachfolgeproblemen weitermachen", sagt Präsident Schreiner. Schließlich gelte es, Bankverbindlichkeiten abzuzahlen. "Außerdem haben Bauern Verpflichtungen gegenüber der EU." Denen, die weitermachen, droht aber ein Minusgeschäft. Beim Tiefststand im vergangenen Jahr mussten Bauern für jeden Liter noch zuzahlen - und neue Kredite aufnehmen.

Besonders schwer war es zuletzt für die Bauern, die ihren Kuhbestand aufgestockt haben, um effizienter zu werden. Auch der frühere Präsident des saarländischen Bauernverbandes, Klaus Fontaine, ist 2009 diesen Weg gegangen. Statt 120 hat er nun 280 Tiere. Mehr Milch erhöht im Zweifelsfall aber auch die Verluste. Fontaine sieht aber Hoffnung für den Milchpreis. Denn das Angebot sei 2016 um 4,2 Prozent gefallen, eine Verknappung, die auch den Preis wieder steigen lässt. Finkler jedenfalls ist überzeugt: "Fontaine geht den richtigen Weg." Familienbetriebe in der bisherigen Form werde es bald nicht mehr geben.