"Wandelnde Leichen"

Saarbrücken. Als die Durchhalte-Parolen Anfang der 1940er Jahre lauter wurden, war dies ein untrügliches Zeichen für zunehmende Probleme bei den braunen "Endsieg"-Phantasten. Auch im Saar-Bergbau wurde die Lage immer schwieriger, einmal wegen der vielen Einberufungen zur Wehrmacht, zum anderen wegen der Überalterung der Bergleute

Saarbrücken. Als die Durchhalte-Parolen Anfang der 1940er Jahre lauter wurden, war dies ein untrügliches Zeichen für zunehmende Probleme bei den braunen "Endsieg"-Phantasten. Auch im Saar-Bergbau wurde die Lage immer schwieriger, einmal wegen der vielen Einberufungen zur Wehrmacht, zum anderen wegen der Überalterung der Bergleute. Um die auf Hochtouren laufende Kriegswirtschaft und Waffenproduktion aufrecht zu erhalten, brauchte man Arbeitskräfte - und fand sie im Millionenheer der Kriegsgefangenen."Fremdarbeiter" hießen diese bedauernswerten Kreaturen aus dem neuen Subproletariat, die seit 1941 im Ruhrpott als moderne Sklaven eingesetzt wurden. Im Jahr darauf folgte der Saarbergbau dem Beispiel und rekrutierte einige Fremdarbeiter, deren Zahl sofort nach oben schoss. Ende 1942 waren bereits über 6000 ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene unter den rund 50 000 Saar-Bergleuten. Schon ein Jahr später schufteten sogar 14 400 Fremdarbeiter auf den saarländischen Gruben, in der Mehrzahl Russen.

Die Gefangenen waren im wahrsten Sinne des Wortes Lückenbüßer. Sie wurden mit "menschenverachtender Brutalität" behandelt, wie Zeitzeugen berichteten. Die Schicht der meist berufsfremden Zwangsarbeiter betrug zwölf Stunden und mehr, sie mussten jene Arbeiten erledigen, die knüppelhart und mit hohem Risiko behaftet waren. Als Hauptnahrungsmittel "servierte" man ihnen Kartoffeln und Kohlrüben. Schlafen mussten sie in versifften Unterkünften und so dauerte es nicht lange, bis sich Infektionskrankheiten und Epidemien verbreiteten. Nach dem Krieg berichtete die SZ über die Zustände untertage während des Krieges und zitierte einen Beobachter, der die "sadistische Gesinnungslumperei" der Bergbeamten geißelte, weil die Fremdarbeiter nach wenigen Wochen schon wie "wandelnde Leichen" umher gewankt seien. Hinzu kam der unsägliche Rassismus der Nazis, die den (deutschen) Bergleuten einbläuten, sich "jederzeit für den besseren Menschen" zu halten, kein "falsches Mitleid" zu haben und stets "den notwendigen Abstand" zu wahren.

Es war eine Zeit, in der die Saar-Bergleute oft nicht mehr Herr ihrer Sinne waren. Fremdarbeiter wurden überwacht und eingeschüchtert, bei geringsten Vergehen oder "Bummelei" brutal bestraft, in Disziplinierungslager gesteckt. Klar, dass bei so viel Druck entweder totale Resignation entstand - oder Widerstand. Mehrfach kam es zu Sabotage-Aktionen untertage, während in den Gefangenenlagern übertage Aufstände ausgeheckt wurden. Es gab Schießereien, Tote und Verletzte, bei einem schweren Scharmützel wurde auch Carl-Theodor Röchling, der Sohn des Völklinger Hüttenchefs, vermutlich von Fremdarbeitern erschossen.

Das vielleicht unrühmlichste Kapitel in der Geschichte des Saar-Bergbaus endete erst, als das Inferno nicht mehr aufzuhalten war und auch die verführten "Herrenmenschen" untertage zum Volkssturm und zum "letzten Aufgebot" befohlen wurden. Am Ende des Krieges, als die Produktion praktisch stillstand, waren von dem einst stolzen Heer der Saar-Bergleute nur 5000 ausgezehrte Männer übrig. bb