Von echten und von falschen Ängsten

Viele Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit: Sie können unangenehme Wahrheiten ausblenden. Was nicht ins Weltbild passt, wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Gläubige etwa lassen nicht mit sich reden, wenn jemand Gott in Frage stellt.

Sozialisten sind immun gegen kapitalistische Argumente, Rechtsextreme wollen von linker Humanität nichts wissen. Ähnlich verhält es sich beim Thema Zuwanderung: Wer von der Idee beseelt ist, die Aufnahme notleidender Menschen aus fernen Ländern sei selbstverständlich und mache das Leben erst "bunt und vielfältig", wird jede Kritik daran als fremdenfeindlich verdammen. Und wer ernsthaft glaubt, die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Orient leiste der "Islamisierung des Abendlandes" Vorschub, wird sich auch von Fakten und Gegenargumenten nicht überzeugen lassen.

In der Pegida-Bewegung ist wie jetzt in Trögnitz zu beobachten, dass sich diese Probleme wie in einem Prisma konzentrieren. Kernpunkt war und ist die Asylfrage: Wie viel Fremdes verträgt das Land, wie viel der einzelne Bürger? Weil die Pappenheimer von Pegida von Rechtsauslegern angeführt werden, war auch das Urteil der politischen Klasse radikal: In Dresden gehen "Rassisten", "Idioten" und "Neonazis" auf die Straße, und sie schüren "Fremdenhass". Diese üble Saat keime jetzt in Trögnitz, wo ein geplantes Asylbewerberheim brannte und Politiker bedroht werden. Auch wenn es auf Pegida gemünzt war, gilt das Diktum von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD ) noch mehr für Trögnitz in Sachsen-Anhalt: "Eine Schande für Deutschland ."

Nun ist die Welt allerdings nicht schwarz-weiß, und näheres Hinschauen bringt zum Vorschein, dass in Sachsen oder in Hamburg-Harvestehude nicht nur "Chaoten" und "Gesindel" ("Der Spiegel") protestierten, sondern auch ganz normale Leute. Die Kernfrage aber, warum selbst aus der "Mitte der Gesellschaft" (der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt) eine spürbare Abwehrhaltung gegen die "unkontrollierte Zuwanderung" zum Vorschein kommt, wird in Deutschland verdrängt oder nur verklemmt beantwortet. Zu tief sitzt das Rassismus-Trauma aus der Nazizeit. Weil Zuwanderung ein europäisches Thema ist, kommen dazu aber bemerkenswerte Antworten aus Frankreich und England.

Zum Beispiel von Alain Finkielkraut, einem der führenden Intellektuellen unseres Nachbarlandes. Er sagt Sätze von verstörender Wucht: "Die Nation ist der einzige Raum, in dem Demokratie Sinn macht." Oder: "Je größer die Einwanderung , desto zersplitterter das Land." Finkielkraut betont, mit Blick auf Albert Camus : "Wir müssen nicht nur die Natur bewahren, sondern auch die Kultur." Er meint die westliche Kultur. Dabei hat der Philosoph, der ohne Scheu vor einer "Überfremdung durch muslimische Zuwanderer" warnt, selbst einen Migrations-Hintergrund. Als in Paris geborener Sohn polnischer Juden ist er der lebende Beweis dafür, dass Integration funktionieren kann - wenn die Bedingungen stimmen. Sie stimmen aber nicht (mehr), weil Globalisierung , Kapitalismus, Nationalismus und Moralismus eine toxische Verbindung eingegangen sind. Tatsächlich ist gerade unser Nachbarland Frankreich zum Sinnbild einer (europäischen) Identitätskrise geworden. Die Grande Nation ist wirtschaftlich angeschlagen, kulturell zerrissen und politisch gelähmt. Präsident François Hollande hat die seit Jahren schwelende Krise noch verstärkt durch seinen Kulturkampf mit linker Bildungs- und Gesellschaftspolitik, die auf konservative Kräfte (und damit mindestens die Hälfte der Bevölkerung) keine Rücksicht nimmt. Zugleich reagiert er hilflos auf das Erstarken der politischen Rechten um Marine Le Pen , die aus den Ängsten und Sorgen der Menschen vor Modernismus und Islamismus Honig saugt. Auch deshalb findet Finkielkraut mit seinen nationalistischen Thesen so hohe Aufmerksamkeit.

Der französische Star-Journalist Eric Zemmour ist vom gleichen Kaliber, er vertritt die gleichen Thesen - aber noch härter. Auch Zemmour stammt aus dem Ausland (Algerien), auch er ist jüdischer Herkunft, auch er warnt vor der "antirassistischen, multikulturellen Ideologie der Globalisierung ". Zemmour hat ein ganzes Buch darüber geschrieben ("Der französische Selbstmord"), das sofort zum Bestseller wurde. Darin beklagt er den "Widerspruch zwischen Volk und Eliten", die "Kulturhegemonie der 68er" und "das Hauptproblem (der) Einwanderung ". Sie führe dazu, dass sich "immer mehr Franzosen in Frankreich nicht mehr zu Hause fühlen". Zemmour erinnert bei seinem Lamento an den deutschen Holzschnitzer Thilo Sarrazin , mit dem er auch verglichen wird.

Auch Zemmour wird als "Rassist" beschimpft, von linken Intellektuellen ebenso wie von jungen Moslems. Ein Vorwurf, der bei dem britischen Ökonomie-Professor Paul Collier schwerlich zu begründen ist. Der Entwicklungsexperte aus Oxford, früher Forschungschef der Weltbank , vertritt seine Thesen mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers: In jeder Gesellschaft gäbe es verschiedene Interessen. Junge und urbane Bürger plädierten eher für Zuwanderung, ältere Bürger "aus der Provinz" eher für eine Beschränkung. Aufgabe der Politik sei es, beide Interessen zusammenzuführen, sagte Collier "Zeit online". Die Behauptung, Deutschland brauche schon aus demografischen Gründen mehr Zuwanderung, sei ein "bizarrer Irrtum". Denn zum einen müsse der wahre Grund des Geburtenrückgangs aufgearbeitet werden; zum Zweiten bedeute jeder Zuzug aus dem Ausland "einen Verlust in den armen Ländern", wo dann die starken Arbeitskräfte fehlten. Nach Europa strömten ja nicht die wirklich Bedürftigen, sondern jene, die sich "4000 Dollar für den Schlepper" leisten könnten.

Und der Oxford-Ökonom geht noch weiter: Nicht die Migration an sich sei für die Menschen das Hauptproblem, sondern "die Veränderung der vertrauten Umgebung". Das sei seriös in allen Gesellschaften weltweit nachweisbar. Damit wären wir beim eingangs erwähnten Ausblenden unangenehmer Wahrheiten, und hier bohrt Collier den Finger in die Wunde: Weil "die Politiker der Mitte" in Europa diesen Aspekt "totschweigen", seien sie dafür mitverantwortlich, dass sich die rechtsextremen Kräfte des Themas bemächtigt hätten.

Tja, wie soll man aus diesem Dilemma herauskommen? Wer das Thema als Problem anspricht, setzt sich Rassismus-Vorwürfen aus. Wer es tabuisiert, nimmt die Ängste der Menschen vor "Überfremdung" nicht ernst, die ähnlich diffus und irrational sind wie die Ängste vor Kriminalität. Auch hier spielt es keine Rolle, ob man tatsächlich in einer gefährdeten Umgebung wohnt. Das Bedrohungsgefühl ist subjektiv und der Ratio nicht zugänglich. Daraus entstehen Irritationen und Ungereimtheiten: Je wohlhabender das Land und je besser das Wohlfahrtssystem, desto größer die Verlustängste und Verteilungskämpfe. Was aber unabdingbar ist in dieser Debatte, ist die klare Differenzierung zwischen Kriegsflüchtlingen, die rechtlich und humanitär einen unbestreitbaren Anspruch auf Hilfe haben, und so genannten Wohlstandsflüchtlingen - die oft besser sind als ihr Ruf. Denn wer bereit ist, für eine vermeintlich bessere Zukunft sein Leben zu riskieren und sich in einer fremden Welt zu behaupten, der ist in der Regel kein Kostgänger, sondern eine engagierte Arbeitskraft.

"Tröglitz ist überall", hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU ) gestern gesagt. Die Politik hat es durchaus in der Hand zu ermöglichen, dass Tröglitz irgendwann vielleicht nirgendwo mehr ist: durch eine kluge regionale Verteilungs- und Integrationspolitik; durch klare Anforderungen auch an Asylbewerber, das politische und kulturelle System im Gastland nicht in Frage zu stellen, und durch eine offene und ehrliche Kommunikation, die Probleme weder verschweigt noch schönredet. Am allerbesten aber durch eine Politik (im Rahmen von EU und UN), die Konflikte schon im Vorfeld so entschärft, dass die Menschen gar nicht mehr auf die Idee kommen, der Heimat den Rücken zu kehren und ihr Heil in der Fremde zu suchen.

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