Verhütungsmittel als Lifestyle-Produkt?

Saarbrücken · Sieben Millionen Frauen in Deutschland verhüten mit der Pille. Die als besonders verträglich geltenden Pillen der jüngsten Generation erhöhen jedoch stark das Thrombose-Risiko. Im Dezember kommt in Deutschland der erste Fall vor Gericht.

Sie heißen Petibelle, Aida, Juliette oder Yasminelle - das klingt freundlich, fast zärtlich, als wär's die beste Freundin. Doch hinter den Namen verstecken sich hochwirksame Medikamente: Antibabypillen der dritten und vierten Generation, von Frauen und Ärzten mehrheitlich als besser verträglich bezeichnet. Doch die hübschen Namen tarnen eine tödliche Gefahr. Studien belegen, dass ausgerechnet die moderneren Pillen ein um das Doppelte erhöhtes Thrombose-Risiko bergen. Es können sich Blutgerinnsel bilden - mit Lungenembolien oder Schlaganfällen als Folge.

Von 10 000 Frauen, die keine Pille nehmen, sterben maximal zwei an einer Thrombose . Durch Einnahme der Pille der zweiten Generation erhöht sich die Quote bereits auf fünf bis sieben. Greifen Frauen zur jüngsten Generation, schnellt das Risiko auf neun bis zwölf hoch. Diese Zahlen sind nicht neu, neu ist aber der Anfang Oktober vorgestellte "Pillenreport" der Techniker-Krankenkasse (TK), der das Nutzungsverhalten der jungen Frauen und die Werbemethoden der Pharmaindustrie ausleuchtet. Im Fokus: Mädchen im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren - denn bis zu dieser Grenze übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Pille. Sieben Prozent der Mädchen unter 16 Jahren (Saarland: 9,94 Prozent) und 60 Prozent der Mädchen unter 20 (Saarland: 66,14 Prozent) nehmen die Pille, und rund zwei Drittel davon eine der jüngsten, also gefährlicheren Sorten.

Warum? Der TK-Pillenreport hat Erklärungen: Die Pille werde zunehmend als Lifestyle-Produkt gesehen - und von den Herstellern insbesondere im Internet auch so vermarktet. Tatsächlich berichten in Youtube-Clips entspannte, hübsche junge Frauen über kosmetische Nebenwirkungen der Pille: dichteres Haar, prallerer Busen, reine Haut, Gewichtsabnahme. Und bei Verhütungs-Ratgeber-Seiten taucht in den Foren das Wort Thrombosegefahr so gut wie nie auf.

Der Saarbrücker Gynäkologe Dr. Wilhelm Adelhardt beobachtet, dass rund 30 Prozent der jungen Patientinnen bereits mit dem Wunsch nach einer bestimmten Pille auftauchen. Er sagt: "Ich sehe das Werbeverhalten der Pharmafirmen sehr kritisch." Seiner Meinung nach gehörte ein Aufkleber auf die Packungen: Vorsicht, Thrombosegefahr. Adelhardt ist sich jedoch sicher, dass die Mehrzahl der Kollegen eine intensive Aufklärung betreibt. Für ihn gilt: "Pillen der zweiten Generation sind derzeit das Mittel erster Wahl." Auch der Präsident der saarländischen Apothekerkammer, Manfred Saar, äußert Bedenken gegenüber der durchgestylten Aufmachung der modernen Pillen . Alle anderen verschreibungspflichtigen Medikamente seien schlicht gehalten, sagt Saar. Das sei kein Zufall.

Die TK jedenfalls möchte den aktuellen Trend stoppen. Aus Kostengründen? Neue Medikamente sind in der Regel teurer als alte. "Es geht nicht um Einsparungen", sagt Jörn Simon, Leiter der TK-Landesvertretung Saarland. Die Pille sei keines der extrem teuren Medikamente. "Wir wollen keine Pillenverteufelung. Aber wir sehen ein Defizit in der Risiko-Kommunikation." Ist das unausgesprochene Kritik auch an den Ärzten, die womöglich zu sorglos verschreiben? Der Verband deutscher Frauenärzte weist diese Spekulation zurück. Eine Erklärung für die hohen Verordnungszahlen hat er nicht. Und auch die TK im Saarland kann sich die über dem Schnitt liegenden Zahlen hierzulande nicht erklären.

Jedenfalls fällt die neue Aufklärungsoffensive in eine Zeit, in der die Medien sowieso für das Thema sensibilisiert sind. Nachdem in der Schweiz und in Frankreich bereits Prozesse liefen, wird demnächst auch in Deutschland ein erster Fall verhandelt. Wie die Bayer AG der SZ bestätigt, ist am 17. Dezember ein Gerichtstermin anberaumt. Es geht um Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen. In den USA wurden von Bayer bereits 1,9 Milliarden Dollar an 9000 Klägerinnen gezahlt, ohne aber die Schuld anzuerkennen.

"Werbung ist nicht ausschlaggebend"

Verband der deutschen Frauenärzte versteht Vorstoß der Krankenkasse TK nicht



Wenn die jüngeren Pillen erwiesenermaßen höhere Thrombose-Risiken bergen, warum werden sie trotzdem häufiger verschrieben als die Pille der zweiten Generation?

Albring: Es steht nur ein Gestagen der 2. Generation in kombinierten Verhütungspillen zur Verfügung: Levonorgestrel. Levonorgestrel-haltige Pillen sind aber nicht für alle Frauen geeignet, und wir sind sehr froh darüber, dass wir auch modernere Pillen mit anderen Gestagenen zur Verfügung haben, die häufig besser verträglich sind. Das Risiko für Thrombosen ist außerdem in den ersten Monaten besonders hoch und sinkt dann fast auf ganz normale Werte. Wird die Pille länger genommen, ist die Frau auf der sicheren Seite. Nach jeder Pillenpause und nach jedem Neu-Anfang steigt das Risiko übrigens wieder an.

Wie beurteilen Sie den Trend der Pharmaindustrie, die Pille als Lifestyle-Produkt zu vermarkten?

Albring: Es ist nichts Verwerfliches daran, dass die Forschung daran arbeitet, dass Arzneimittel eine möglichst hohe Lebensqualität garantieren. Das gilt für Medikamente gegen Bluthochdruck und Rheuma ebenso. Für uns Frauenärzte sind die Slogans der Arzneimittelindustrie nicht ausschlaggebend.

Warum geht die Krankenkasse TK in die Offensive?

Albring: Wir verstehen die Argumente der TK überhaupt nicht. Denn erstens sind Frauenärzte verpflichtet, über das Thrombose-Risiko aufzuklären. Und zweitens haben die modernen Pillen viele aus medizinischer Sicht hilfreiche Eigenschaften, die die älteren Pillen nicht haben und die nichts mit Lifestyle zu tun haben. Wenn es der TK ernsthaft darauf ankäme, sich mit dem Thrombose-Risiko auseinanderzusetzen, dann würde sie selbst auf ihrer Pillen-Homepage sorgfältiger die möglichen Thrombose-Frühsymptome aufzählen.

Halten Sie eine Aufklärungskampagne für notwendig?

Albring: Jede Frau wird über das Thrombose-Risiko aufgeklärt. Das ist eine Vorschrift, die der Berufsverband der Frauenärzte unterstützt. Über die unterschiedlichen Verhütungsmethoden klären wir die Medien derzeit in einem Dossier auf, wir stehen für Interviews zur Verfügung. Dies ist ein großer Beitrag der Frauenärzte für mehr Wissen und Sicherheit.

Meinung:
Aufklärung schadet nie

Von SZ-RedakteurinCathrin Elss-Seringhaus

Es ist nicht so, dass die Öffentlichkeit nichts wüsste über die Thrombose-Risiken der neuen Pillengeneration. Es ist sicher auch nicht so, dass Frauenärzte ihre Patientinnen nicht darüber aufklärten. Doch selbst wenn man die Techniker-Krankenkasse (TK) nicht für uneigennützig hält, kann man ihren Warnruf befürworten. Ohne in Panikmache zu verfallen. Aber Aufklärung schadet nie, hier scheint sie sogar dringlich. Denn das Image der Antibabypille hat sich aufgrund ihrer besseren Verträglichkeit ins Harmlose gedreht. Junge Frauen sehen sie als Alltagsprodukt, das ihr (Sex-)Leben erleichtert, kosmetische Effekte inbegriffen. Ihnen fehlt oft das Bewusstsein, dass Eingriffe in den Hormonhaushalt kompliziert sind. Man sollte es wieder schärfen. Und deutlich machen: Als Patientin hat man eine Informations- und Sorgfaltspflicht, die über das Konsumieren von Youtube-Filmchen hinausgeht. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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