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USA verhandeln mit Taliban

USA verhandeln mit Taliban

Kabul. Als vor bald einem Jahrzehnt der Einsatz des Westens am Hindukusch begann, schienen die Taliban bald vernichtend geschlagen. Selten hat sich die Staatengemeinschaft so getäuscht. Inzwischen ist in Washington, Brüssel und Berlin klar, dass es eine militärische Lösung nicht geben wird. Der Westen und die afghanische Regierung setzen auf Verhandlungen mit den wieder erstarkten Taliban

Kabul. Als vor bald einem Jahrzehnt der Einsatz des Westens am Hindukusch begann, schienen die Taliban bald vernichtend geschlagen. Selten hat sich die Staatengemeinschaft so getäuscht. Inzwischen ist in Washington, Brüssel und Berlin klar, dass es eine militärische Lösung nicht geben wird. Der Westen und die afghanische Regierung setzen auf Verhandlungen mit den wieder erstarkten Taliban. Erstmals bestätigten Präsident Hamid Karsai und US-Verteidigungsminister Robert Gates am Wochenende, dass beide Seiten miteinander reden."Die Gespräche mit den Taliban und anderen haben begonnen und, so Gott will, werden sie fortgesetzt", sagte Karsai am Samstag in Kabul. Besonders die USA, die mit weitem Abstand die meisten Soldaten der internationalen Isaf-Truppe stellen, seien in die Verhandlungen eingebunden, die eine politische Lösung des gewaltsamen Konflikts zum Ziel haben. Von echten Friedensverhandlungen kann nach Ansicht von Experten aber noch lange nicht die Rede sein - allenfalls dürfte es sich um "Gespräche über Gespräche" handeln. "Ich würde sagen, die Kontakte sind sehr vorläufig", sagte Gates dem TV-Sender CNN. Aber letztlich werde der Krieg wie andere auch in einer politischen Lösung enden. Offiziell beharren beide Seiten auf ihren Positionen: Die afghanische Regierung und die Staatengemeinschaft verlangen von den Taliban, sich vom Terrornetz Al Qaida loszusagen und die afghanische Verfassung anzuerkennen. Die Aufständischen stellen als Bedingung den Abzug der ausländischen Truppen - ohne die Karsai nicht überlebensfähig wäre.

Unklar ist, wie verhandlungswillig die Taliban wirklich sind. Zwar heißt es, ihre in Pakistan vermutete Führung unter Mullah Mohammad Omar sei kriegsmüde. Sie könnte aber auch versuchen, den Abzug der internationalen Soldaten abzuwarten und den Krieg auszusitzen. Im Juli will die Nato damit beginnen, in ersten Regionen die Verantwortung für die Sicherheit an die afghanische Armee und Polizei zu übergeben. Bis 2014 soll der Prozess landesweit abgeschlossen sein.

"Dieser Konflikt kann nicht und wird nicht auf dem Schlachtfeld entschieden werden, sondern am Verhandlungstisch", sagt der deutsche Isaf-Sprecher Josef Blotz. Bis es aber soweit ist, schenken sich beide Seiten nichts. Die Isaf geht massiv gegen die Aufständischen vor. Besonders US-Spezialeinheiten, die nachts gezielt Kommandeure der Taliban gefangen nehmen oder töten, machen den Aufständischen zu schaffen. Die Taliban revanchieren sich mit Attentaten. Der Kommandeur des deutschen Wiederaufbauteams im nordafghanischen Kundus, Oberst Norbert Sabrautzki, entging gestern nur knapp einem Anschlag. Drei Zivilisten starben bei dem Anschlag auf einen deutschen Konvoi nahe Kundus. Und nur wenige Stunden nach Karsais Ansprache gelang es einem Selbstmord-Kommando der Aufständischen, unweit vom Präsidentenpalast zuzuschlagen. Sie rissen neun Menschen mit in den Tod.

Meinung

Ein hoher Preis

Von SZ-MitarbeiterFriedemann Diederichs

 Ein Selbstmordattentäter griff gestern mit einer Autobombe deutsche Soldaten an. Foto: dpa
Ein Selbstmordattentäter griff gestern mit einer Autobombe deutsche Soldaten an. Foto: dpa

US-Präsident Barack Obama gewann das Rennen um das Weiße Haus, weil er auch ein Ende der Kriege im Irak und in Afghanistan versprach. Im kommenden Jahr wird wieder gewählt, und Obama strebt vier weitere Jahre an - notfalls auch zu dem hohen Preis, den radikalislamischen Taliban in Afghanistan Mitverantwortung zu geben. Unter diesem Blickwinkel müssen die Geheimgespräche zwischen US-Emissären und Taliban-Vertretern gesehen werden. Auch wenn der Gedanke einer Taliban-Regierungsbeteiligung für manche nur schwer erträglich ist: Die Realitäten vor Ort lassen keine andere Strategie zu, will der Westen in naher Zukunft das Kapitel des Militäreinsatzes in Afghanistan abschließen.