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Unbequemer Sympathisant der Genossen

Unbequemer Sympathisant der Genossen

Fast 55 Jahre hat sich Günter Grass für die SPD engagiert, für Willy Brandt tourte er 32 000 Kilometer mit einem VW-Bus durchs Land. Aber der Verstorbene ging mit den Genossen des Öfteren auch hart ins Gericht.

Die Todesnachricht erreicht die SPD mitten in der Sitzung des Präsidiums. Eine Stunde später erklärt Parteichef Sigmar Gabriel : "Die SPD verneigt sich vor Günter Grass ." Er sei zum "Spiritus Rector" der Verbindung zwischen SPD und Intellektuellen geworden, die das geistige Klima in Deutschland nachhaltig geprägt habe. Seine oft streitbaren Einwürfe hätten die politische Kultur in Deutschland bunter gemacht und das Verhältnis von Politik und Kultur gewandelt.

Über Jahrzehnte hatten vor allem Brandt und Grass einen kritischen und offenen Austausch gepflegt. 1969 tourte Grass 32 000 Kilometer mit einem VW-Bus durch Deutschland, um für "Willy" zu werben. Als bei einer Straßenveranstaltung jemand "Willy Brandt an die Wand", schrie, fackelte Grass nicht lange: "Dem bin ich dann an die Jacke gegangen." In dem erfolgreichen Wahlkampf wurde Grass zur Führungsfigur der neuen "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" - Intellektuelle und andere einflussreiche Bürger ergriffen Partei. Ein Modell, das die SPD bis heute pflegt, das aber an Strahlkraft verloren hat.

Mitglied in der SPD war Grass nur von 1982 bis 1993, er trat wegen Ärger über die Asylpolitik wieder aus. Den Lübecker verband jedoch bis zuletzt eine kritische Solidarität mit der Partei, und die Partei mit ihm. Auch wenn die Distanz zuletzt größer geworden war, was auch an Grass' Interventionen lag. Vor allem sein Israel-kritisches Gedicht ("Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden") brachte ihm 2012 parteiübergreifend Kritik ein.

Von einem linken Genossen war Grass besonders enttäuscht: von dem 1999 zurückgetretenen SPD-Chef Oskar Lafontaine . "Halt's Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung", wetterte Grass. Später sah er Lafontaine als Blockierer einer rot-rot-grünen Koalition und warf ihm wegen der Etablierung der Linkspartei Charakterlosigkeit vor.

Seine große Sorge galt in den letzten Jahren der Dominanz von Banken und Konzernen. "Wir erleben, dass das System, in dem wir leben, das kapitalistische, sich in einem Zustand der Selbstzerstörung befindet", sagte Grass zum Beispiel im Herbst 2011. "Die SPD sollte ihrer Tradition folgen und sich zum Sprecher einer solch grundlegenden Veränderung machen", forderte er damals mehr Mut zu neuen Wegen. Und ließ Sehnsucht nach Willy Brandt erkennen: "Mir fehlen hier die entscheidenden Worte aus der politischen Richtung, die ich noch so lange unterstützen möchte, wie ich rauchen kann."