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Umgang mit Ungeimpften:Ohne Druck auf Impfmuffel droht trüber Corona-Herbst

Umgang mit Ungeimpften : Ohne Druck auf Impfmuffel droht trüber Corona-Herbst

Da bislang noch nicht genügen Bundesbürger vollständig geimpft sind, rührt die Regierung nochmal mächtig die Werbetrommel. Zu spät?

Die milden Corona-Spätsommertage sind trügerisch. Der Pandemie-Frust verblasst bei kalorienreicher Pasta auf der Terrasse des Lieblingsitalieners oder beim wilden Kick mit den Kids auf der Wiese. War da was? Kommt da noch was? Ja, leider! Die Seuche ist noch nicht besiegt. Es ist zum Haareraufen. Da wurden in Lichtgeschwindigkeit hochwirksame Impfstoffe entwickelt. Einer davon Made in Germany (Biontech). Und Millionen Mitbürger schalten auf Durchzug und verweigern sich. Wozu das führt, ist auf den Intensivstationen zu beobachten. Die mehr als 1400 Patienten, die derzeit von Intensivpflegern im Leben gehalten werden, sind jünger als in den ersten Wellen. Und die meisten von ihnen sind ungeimpft. Bei den unter 60-Jährigen liegt die Impfquote bei nur 66 Prozent. Noch Fragen?

Dazu kommt die Unsicherheit an den Schulen. Die Jüngsten in der Gesellschaft müssten gar nicht auf breiter Front geimpft werden, wenn die Impfquoten der Erwachsenen höher wären. Der Egoismus einiger Großer lastet nun schwer auf den Kleinsten. Und was macht die Politik? Die Bundesregierung rührt noch einmal die Werbetrommel. An diesem Montag startet eine deutschlandweite Impfaktionswoche. In Straßenbahnen, auf Fußballplätzen, in Moscheen soll sich jeder einen Pieks abholen können. „Nie war es einfacher, eine Impfung zu bekommen. Nie ging es schneller“, wirbt Kanzlerin Angela Merkel für die Aktion. Es sei großartig, dass inzwischen mehr als 55 Millionen Bürger eine Erst­impfung hätten und über 50 Millionen doppelt geimpft seien. „Das ist ein Riesenerfolg“, bilanziert Merkel. Wirklich?

Die Kampagne steht unter dem Schlagwort „HierWirdGeimpft“. Von der überschaubaren Kreativität des Slogans mal abgesehen. Reichen Appelle? Altbundespräsident Joachim Gauck formuliert weniger vornehm als die Bundeskanzlerin. Er spricht von „Bekloppten“, die sich einer Impfung verweigern. Beschimpfungen dieser Art helfen nicht weiter. Aber wer hartnäckig unsolidarisch ist, wer sich Fakten verweigert, muss Folgen spüren. Erst in vier Wochen werden Corona-Bürgertests kostenpflichtig. Das kommt zu spät. Wer sich den Luxus leistet, auf kostenlose Vorsorge in Form einer bewährten und wissenschaftlich abgesicherten Schutz­impfung zu verzichten, soll dann auch dafür blechen.

Experten rechnen damit, dass Antigentests ab 11. Oktober 15 bis 20 Euro und PCR-Tests 80 bis 120 Euro kosten werden. Da kommt der ein oder andere Impfmuffel hoffentlich ins Grübeln. Bis dahin geht aber wieder wertvolle Zeit verloren. Zeit, in der sich die Delta-Variante weiter ausbreitet. Kanzlerin und Ministerpräsidenten hätten die Daumenschrauben früher anziehen müssen. Das gilt auch für öffentliche Zugangsregeln. Hier 3G, da 2G, mal schauen, was kommt. Dieser Schlendrian in der vierten Welle ist inakzeptabel. Vor der Bundestagswahl wollte es die Politik nicht auf die harte Tour machen. Welchen Preis die Gesellschaft dafür zahlt, zeigen die nächsten Wochen. Eine Pandemie der Ungeimpften darf nicht das ganze Land wieder zurückwerfen.