Triumph der Tintenfinger

Rangun · Ein Vierteljahrhundert haben die Menschen in Myanmar auf diesen Moment gewartet: Wahlzettel ausfüllen und mitbestimmen, für sie ist das keine Selbstverständlichkeit. Gestern war es so weit.

Der alte Mann reckt die faltige Hand mit dem lila gefärbten kleinen Finger in die Luft. Mit derselben Geste feiern an diesem Sonntag Millionen Myanmarer den ersten freien Wahlgang seit 25 Jahren. Der lila Tintenfinger ist die stolze Trophäe der Wähler , die ihre Stimme abgegeben haben. Es herrscht Feststimmung im ganzen Land. Zwei Stunden müssen viele Schlange stehen, um endlich die Wahlzettel auszufüllen - aber was ist das schon für Leute, die eine ganze Generation auf diese Chance warten mussten?

Ein spontanes Fest beginnt am Nachmittag vor der Parteizentrale der Oppositionspartei Nationalliga für Demokratie (NLD) in der Hafenstadt Rangun . Selbst der Regen schreckt Tausende Menschen nicht ab. Verkäufer Ko Koo ist im bunten Hawaii-Hemd da. Er lacht und tanzt in den Pfützen. "Ich bin hier, weil ich dabei sein will, wenn Geschichte geschrieben wird", ruft er. Geschichte schreiben, das bedeutet für NLD-Anhänger nur eins: den Sieg von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi . "Ich will die Regierung dieses Landes führen", hat die 70-Jährige vor der Wahl in einem Fernsehinterview gesagt, und sie rechnete fest mit dem Sieg. "Es ist eine gewaltige Herausforderung. Ich nehme sie an. Ich hoffe, dass die Herausforderung das Beste aus mir herausbringt." Ergebnisse der Wahl werden frühestens heute erwartet.

Shwe Tint ist 87. Sie war bei jeder Wahl seit 1947 dabei. Sehr viele waren es nicht. Die 1960 gewählte Regierung putschte das Militär aus dem Amt. 1990 ließ es zwar Wahlen zu, ignorierte das Ergebnis aber. 2010 richtete es wieder Wahlen aus, allerdings ohne echte Opposition. Ob das Ergebnis mit dem haushohen Sieg der militärnahen Partei USDP rechtens war, bezweifeln viele. "Jedes Mal, wenn ich wähle, hoffe ich, dass in unserem Land alles gut wird. Jetzt werde ich bald 88, und wir stehen immer noch an einem Scheideweg", sagt Shwe Tint.

Klar sind die Wähler skeptisch, ob die militärnahe Regierung das Ergebnis auch nicht manipuliert. Klar wissen die Leute, dass ihr bitterarmes Land dringende Aufgaben und keine der Parteien im Wahlkampf Lösungen angeboten hat. Wo kommt das Geld für bessere Schulen und Krankenhäuser her? Wie werden die kämpfenden Rebellenarmeen der ethnischen Minderheiten gestoppt? Wer stoppt die Korruption? Wer schafft Arbeitsplätze für junge Leute? Aber an diesem Tag ist das ganze Land erst mal in Jubelstimmung. "Die Ernüchterung kommt nach der Wahl", warnt die ehemalige politische Gefangene, Ärztin und Schriftstellerin Ma Thida. "Die Wahl an sich bedeutet ja noch keinen Wandel."

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