Zypern auf dem Weg zur Einheit

Nach zähen Verhandlungen ist die Stunde der Wahrheit für Zypern gekommen. Die Konfliktparteien beginnen, ihre Karten offenzulegen – und wirken durchaus optimistisch.

Die Erinnerung an Berlin vor dem 9. November 1989 begegnet dem Besucher Zyperns auf Schritt und Tritt. Nikosia ist eine geteilte Hauptstadt. Das Land wird durch eine militärisch geschützte Pufferzone in zwei Lager zerrissen. Noch. "Wir können es schaffen", sagte Nikos Anastasiades, der Präsident der Republik Zypern und zugleich der Volksgruppenführer für die griechischen Zyprer, als er am Sonntag in Mont Pélerin am Genfer See eintraf. Es sollte die letzte Phase des Ringens mit den Vertretern des türkischen Nordens um ihre Zukunft sein. Noch gestern Abend wollte man den Durchbruch schaffen.

"Die Dinge sind kompliziert", sagte der Volksgruppenführer der türkischen Seite, Mustafa Akinci. 1960 wurde die drittgrößte Mittelmeer-Insel, die geografisch zu Asien gehört, von der britischen Besatzungsmacht in die Unabhängigkeit entlassen, 1974 zerriss ein militärischer Konflikt das Eiland: Griechische Nationalisten wollten die Insel an Athen anschließen. Türkische Truppen marschierten ein. Seither ist die Oase im Mittelmeer geteilt.

Doch wie könnte ein wiedervereintes Zypern aussehen? Auf dem Tisch lagen gestern Karten, die zeigen: Zypern soll ein föderaler Bundesstaat werden - mit zwei "Bundesländern". Der türkische Teil würde von 34 auf 28,5 Prozent der Fläche schrumpfen, die griechische Einwohner bekämen entsprechend mehr. Dabei geht es weniger um die genaue Prozentzahl als darum, den 160 000 südlichen Zyprern ihre Häuser und Grundstücke wieder zurückzugeben, die sie durch die Militär-intervention verloren haben. Im türkisch geprägten Landesteil gilt das Gleiche für fast 40 000 Menschen. "Da werden Entschädigungen fällig werden", hieß es gestern in Nikosia, die auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt werden. Geld, das das Land nicht hat.

Zudem muss das Volk der Wiedervereinigung zustimmen. Und das könnte der härteste Prüfstein werden. 2004 scheiterte bereits ein UN-Plan am Votum der griechischen Bevölkerung. Sie bezweifelten, dass die Türkei sich an die Abmachungen halten würde.

Meinung:

Mut und Vergebung

Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Es gibt günstigere Zeitpunkte, um mit der Türkei über die Freigabe des zyprischen Nordens zu verhandeln. Zu angespannt ist das Verhältnis zwischen der EU und Ankara, zu tief sind die Gräben der Zyprer auf beiden Seiten der Pufferzone. Wer nach 1974 geboren wurde, kennt nur das Leben auf einer geteilten Insel, wuchs dort mit den Emotionen vertriebener Menschen auf, mit Vorurteilen über den jeweils anderen Teil. Das alles zu überwinden, erfordert nicht nur Geld, sondern auch die Bereitschaft, zu vergeben. Zypern ist auf dem Weg dahin. Aber es wird noch viel Mut erfordern, die Trennung hinter sich zu lassen.

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