Zwischen den Fronten

Damaskus. Über Derik, Qamishli, Amude, Kobani bis Afrin, entlang der Grenze zur Türkei, flattern die rot-weiß-grünen kurdischen Flaggen. Seit Syriens Präsident Bashar al-Assad zum Kampf um Damaskus und Aleppo seine Truppen aus den Kurdenregionen im Norden abzog, übernahmen die Kurden erstmals die Kontrolle über diesen Teil ihrer Heimat

Damaskus. Über Derik, Qamishli, Amude, Kobani bis Afrin, entlang der Grenze zur Türkei, flattern die rot-weiß-grünen kurdischen Flaggen. Seit Syriens Präsident Bashar al-Assad zum Kampf um Damaskus und Aleppo seine Truppen aus den Kurdenregionen im Norden abzog, übernahmen die Kurden erstmals die Kontrolle über diesen Teil ihrer Heimat. In manchen kleinen Städten wurden Beamte des Regimes schon hinausgedrängt. "Nun halten die Kurden ihr Schicksal selbst in der Hand", frohlockt der kurdische Aktivist Nuri Brimo. Öffnet sich tatsächlich den Kurden Syriens eine "historische Chance"? Während die Kämpfe um Aleppo toben, stießen kurdische Gruppierungen gewaltlos in das von Assad geöffnete Sicherheitsvakuum im Norden vor.Durch Vermittlung des Präsidenten der nord-irakischen Kurdenregion, Massoud Barzani, schlossen die kurdischen Erzrivalen - die mit der türkisch-kurdischen PKK verbündete "Demokratische Unionspartei" (DUP) und der "Kurdische Nationalrat" (KNR), ein Dachverband von etwa 15 kleinen Parteien - einen Pakt, um gemeinsam und friedlich, die freigewordenen, auch an das autonome Irakisch-Kurdistan grenzenden Gebiete zu verwalten. Schon malt der prominente türkische Journalist Mehmet Ali Birand das Schreckgespenst der Türkei an die Wand: die Geburt eines "Mega-Kurdistans", eines Staates, der die Kurdengebiete des Iraks, Syriens und der Türkei umfasst. Premier Recep Tayyip Erdogan bekräftigt das Recht der Türkei zur Verfolgung kurdischer Rebellen (der PKK) auf syrischem Territorium. Die Zeichen stehen auf Sturm. Und zwischen den Fronten steht die kurdische Zivilbevölkerung Syriens.

Syriens lose vereinte Kurdenparteien denken realistisch. Sie streben weder nach Unabhängigkeit noch nach Anschluss an türkische und irakische Kurdenregionen. Sie sehnen sich nach einem Ende der Repression, nach einer auch in der Verfassung festgehaltenen Anerkennung ihrer kurdischen Identität - eine Forderung, die die im "Syrischen Nationalrat" (SNR) zusammengeschlossene Opposition ablehnt. Der künftige demokratische Charakter des Staates, so die Argumentation der arabischen Gegner Assads, müsse den Kurden als Garantie für Gleichberechtigung genügen.

Die Türkei achtet darauf, dass der in ihrem Land stationierte SNR nicht von dieser Position abrückt. Und die den SNR dominierenden Moslembrüder verzeihen den Kurden bis heute nicht, weil sie sich 1982 nicht an dem blutigen Aufstand gegen Präsident Hafez al-Assad beteiligt hatten. Ein Damoklesschwert, das den Kurden nun wieder drohen könnte. Die Kurden haben sich weder zu gemeinsamer Strategie mit dem SNR entschlossen noch haben sie sich von Assad durch Reformversprechen zu Beginn des Aufstandes 2011 ködern lassen. All zu sehr schmerzen die Wunden vergangener Repression.