Zwei Päpste, eine Enzyklika

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat die Enzyklika von Papst Franziskus als schönen und anspruchsvollen Text gewürdigt. Jenseits der Alltagsprobleme lenke er den Blick auf die Fundamente des christlichen Glaubens, sagte er der SZ.

Es war von Wundern die Rede, von Heiligen und vom Glauben. Nach den jüngsten Skandalen um die Vatikanbank oder eine angebliche "Schwulen-Lobby" in der Kurie wirkte dieser Freitag wie eine Art Verschnaufpause für die katholische Kirche. Papst Franziskus unterschrieb das Dekret, wonach seine bei den Gläubigen besonders beliebten Vorgänger Johannes Paul II. sowie Johannes XXIII. heiliggesprochen werden. Wie es heißt, soll die Zeremonie noch in diesem Jahr stattfinden. Zudem wurde die Enzyklika "Lumen fidei" (Licht des Glaubens) in Rom präsentiert. Enzykliken sind päpstliche Lehrschreiben, die zu einem bestimmten Thema als Wegweiser für Bischöfe und Priester, aber auch für einfache Gläubige dienen sollen.

Wer der Verfasser der Enzyklika ist, das lässt sich nicht in einem Satz sagen. Fest steht, der amtierende Pontifex hat dieses päpstliche Lehrschreiben unterschrieben. "Lumen fidei" ist die erste Enzyklika seines Pontifikats und sei "vollkommen ein Text von Papst Franziskus", wie Erzbischof Rino Fisichella, Präsident des päpstlichen Rats für die Neu-Evangelisierung, auffällig betonte. Ursprünglich war Benedikt XVI. gebeten worden, für das Jahr des Glaubens, das die Kirche für 2013 ausgerufen hat, sein viertes Lehrschreiben nach seinen Ausführungen zur Liebe Gottes (2006), zum technischen Fortschritt (2007) und zum nachhaltigen Wirtschaften (2009) zu verfassen.

Die historischen Umstände führten dazu, dass erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche zwei Päpste an einer Enzyklika gearbeitet haben. Benedikt XVI. hatte seine dritte Enzyklika "nahezu fertiggestellt", wie Franziskus in der Einleitung des schreibt. Am 11. Februar war er dann überraschend zurückgetreten und übergab seinem Nachfolger Franziskus das Manuskript. Der entschied sich, das Lehrschreiben über den Glauben "durch einige weitere Beiträge" zu ergänzen.

Der Kerngehalt stammt aus der Hand von Benedikt XVI. Besonders die ersten beiden Kapitel scheinen ganz von Joseph Ratzinger zu stammen, der sich immer wieder gegen den Relativismus aussprach. In "Lumen fidei" heißt es: "An die Verbindung des Glaubens mit der Wahrheit zu erinnern, ist heute nötiger denn je, gerade wegen der Wahrheitskrise, in der wir leben." Auch von einem anderen Lieblingsthema Benedikts, der fruchtbaren "Wechselbeziehung zwischen Glaube und Vernunft" ist die Rede. "Diese Enzyklika", so Erzbischof Fisichella, wolle angesichts der gegenwärtigen "Krise des Glaubens" erneut "den Blick auf das Wesentliche der Kirche und jedes Gläubigen richten". Der Vatikan war bei der Präsentation sehr bemüht, den Eindruck absoluter Kontinuität der Pontifikate zu erwecken, die vor allem in ihrem Stil so unterschiedlich wirken. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, bezeichnete den Text als eine Art "Patchwork", aus "der Feder zweier Päpste". "Wer ihn liest, kann abgesehen von Unterschieden im Stil, in der Wahrnehmung und in der Schwerpunktsetzung sofort die grundlegende Kontinuität der Botschaft von Papst Franziskus mit den Lehräußerungen von Benedikt XVI. erkennen." Die Grundbotschaft sei: Der Glaube "trennt uns nicht von der Wirklichkeit, sondern erlaubt uns, ihren tieferen Grund zu erfassen und zu entdecken, wie sehr Gott diese Welt liebt und sie unaufhörlich auf sich hin ausrichtet". Neben vielen theoretischen Erwägungen berührt die Enzyklika auch einige gesellschaftlich relevante Themen. So wird etwa der Gehorsam der Gläubigen gegenüber der Kirche indirekt angemahnt. Eindeutig ist etwa die Passage über Glaube und Familie. "Vor allem denke ich an die dauerhafte Verbindung von Mann und Frau in der Ehe." Das ist auch als Absage des neuen Papstes an die vielerorts diskutierte Homo-Ehe zu verstehen.Kein anderer Papst der Neuzeit beeindruckte die Menschen so wie Johannes Paul II.. Millionen Gläubige jubelten dem "eiligen Vater", er wirkte gegen den Kommunismus und verurteilte den Turbo-Kapitalismus. Johannes Paul II. war ein "großer Papst", da sind sich die Gläubigen seit langem einig. Der charismatische Pole prägte bis zu seinem Tod 2005 die katholische Kirche - als Reisepapst, Friedensmahner und Freund der Jugend. Die "Stimme der Stummen" wolle er sein, sagte Karol Wojtyla. Dafür wurde er viel gelobt. Dagegen stieß sein starres Festhalten an Dogmen auf viel Unverständnis. Zunächst studierte er polnische Literatur, 1942 trat er in ein verbotenes Priesterseminar in Krakau ein. 1946 ließ er sich im Untergrund zum Priester weihen. Später wurde Wojtyla Bischof in Krakau, 1967 Kardinal, 1978 im Alter von 58 Jahren Papst.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat gegenüber unserer Zeitung die angekündigte Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ausdrücklich begrüßt. Er freue sich, dass beide nun gemeinsam heiliggesprochen werden. Es seien zwar zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die aber beide nicht nur für die jüngste Geschichte, sondern in der ganzen Welt prägende Gestalten waren.

Die Enzyklika "Lumen fidei" (Licht des Glaubens) nannte Ackermann "ein schönes Zeugnis der Brüderlichkeit beider Päpste" (Benedikt und Franziskus). Ackermann: "Die Enzyklika ist ein schöner Text in meditativem Stil, zum Teil nahezu poetisch durch die vielen Bilder, zum Teil auch philosophisch." Der Text stehe über den tagesaktuellen Fragestellungen, sagte Ackermann weiter, und lenke den Blick vielmehr auf die Fundamente des christlichen Glaubens. "Die Sprache der Enzyklika ist nicht die einer Anordnung, sondern eines tiefgründigen Dokuments. Zwei Aspekte sind Papst Franziskus offenbar wichtig, und da folgt er der Spur seines Vorgängers: Der Glaube - wenn er richtig verstanden und praktiziert wird - macht das Leben des Menschen nicht eng und kleinkariert, sondern weitet den Horizont." So verstanden helfe der Glaube auch gegen den jeweils herrschenden Mainstream einer Zeit und öffne die Augen für die tiefen Schichten der Wirklichkeit.

Der Tonfall der Enzyklika ist absolut "wärmend", findet Ackermann. Sie wolle überzeugen und nicht indoktrinieren. "Der Text ist sehr anspruchsvoll, den kann man nicht schnell nebenbei lesen, und man muss sich auf die Gedankenführung einlassen." Die zwischenmenschliche Dimension der Begegnung spiele nach dieser Enzyklika eine ganz wesentliche Rolle für den Glauben und sei damit ein eindringliches Plädoyer zur Achtung der Würde eines jeden Menschen und seiner Überzeugungen beziehungsweise seines Glaubens." Darin sieht Ackermann auch ein Bekenntnis des Papstes, dass der Dialog der Religionen heute möglich und notwendig ist. Als Angelo Giuseppe Roncalli 1958 zum Papst gewählt wurde, rechnete kaum jemand mit den tief greifenden Veränderungen, die er in der Kirche auslösen würde. Der damals 77-Jährige galt bei vielen nur als Übergangspapst, als Kompromisslösung. Doch Johannes XXIII. bewies in seiner fünfjährigen Amtszeit Mut zu historischen Reformen und Entschlossenheit. Mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 leitete er einen Umbruch ein, mit seiner herzlichen Art gewann er die Sympathien der Menschen. Am 3. Juni hatte sich der Todestag von Johannes XXIII. zum 50. Mal gejährt.

Geboren wurde Roncalli am 25. November 1881 in einem Bergdorf bei Bergamo. Er wuchs als eines von zwölf Kindern in einer Bauernfamilie auf. Im Ersten Weltkrieg war er Sanitäter und Feldprediger, später wurde er Bischof und Patriarch von Venedig.

1958 wurde Roncalli in einem dreitägigen Konklave auf den Stuhl Petri gewählt. Die Menschen in Italien liebten ihn für seinen warmherzigen Charakter, seine Bescheidenheit und seine Volksnähe.