Zwei gute Freunde und eine Kamikaze-Aktion

Die traurige Geschichte der Jamaika-Koalition ist auch die Geschichte des Scheiterns zweier Freunde, die früher Anlass zu großer Hoffnung gaben

Die traurige Geschichte der Jamaika-Koalition ist auch die Geschichte des Scheiterns zweier Freunde, die früher Anlass zu großer Hoffnung gaben. Auf der einen Seite der junge FDP-Vorsitzende Christoph Hartmann (39), der die Saar-Liberalen nach schwierigen Jahren halbwegs geeint und bei der Landtagswahl 2009 fast zehn Prozent der Stimmen geholt hatte; auf der anderen Seite sein väterlicher Freund Horst Hinschberger (61), der in guter FDP-Manier als Unternehmer agierte und als Präsident des 1. FC Saarbrücken ehrenamtliche Meriten erntete. Als sie ihre Karrieren krönten, Hartmann als Wirtschaftsminister, Hinschberger als Vorsitzender der FDP-Fraktion, schien die blaugelbe Welt in Ordnung. Doch von da an ging's bergab.Die neuen Privilegien und Möglichkeiten veränderten die innere Befindlichkeits-Struktur der beiden. Alsbald wurden neue Dienstwagen bestellt, ausgestattet mit allen erdenklichen Extras. Die neue (Schein-)Allmacht vor Augen, startete Hinschberger - Freunde sagen: nicht ohne Hartmanns Wissen - sodann eine Kamikaze-Aktion ("Kamikaze" ist der Name des Geschäfts, mit dem Hinschberger sein Hobby zum Beruf machte): Der FDP-Fraktionschef zeigte seine eigenen Parteifreunde von der Stiftung Villa Lessing an. Angeblich wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten, tatsächlich war Hinschberger dem Vernehmen nach scharf auf den Besitz der Stiftung, von dem er für die Partei etwas abzwacken wollte. Von diesem Tiefschlag erholte sich die FDP nicht mehr.

Was alle verwunderte: Hartmann ließ Hinschberger gewähren - die Gründe dafür sind nicht bekannt. Das sollte sich auch für Hartmann rächen, denn nach dem erzwungenen Rücktritt als Fraktionschef zog Hinschberger seinen Freund mit nach unten: Hartmann musste, auf massives Drängen Hinschbergers, den Parteivorsitz abgeben. Hartmann ließ auch diese öffentliche Demütigung klaglos zu. Als schließlich der neue Parteichef Oliver Luksic überraschend schnell an seine Grenzen stieß, Hinschberger zudem seinen Nachfolger Christian Schmitt im Fraktionsvorsitz mehr mobbte als unterstützte, sah der damals schon entnervte Koalitionspartner CDU Handlungsbedarf: Man suchte heimlich nach einem neuen Job für Hinschberger, um ihn politisch zu neutralisieren. Vergebens. Hinschberger wollte vielmehr noch eine Beförderung für seine Frau, die im Innenministerium arbeitet. Als dieser Wunsch abgelehnt wurde, war das Scheitern von Jamaika programmiert.

Bei der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Ministerpräsidentin am 10. August 2011 begann der Countdown: Die zwei fehlenden Stimmen gingen "klar auf das Konto der FDP", sagt ein Spitzenmann der CDU. Ruhe kehrte fortan nicht mehr ein, selbst die graue FDP-Eminenz Hartmut Ostermann, Kreischef der FDP in Saarbrücken und finanzstarker Nothelfer der Partei, war am Ende hilflos. Der alte und der neue Parteivorsitzende, Hartmann und Luksic, drängten den Einfluss Ostermanns zurück, indem sie ihn nicht mehr über alles informierten. Ostermann konnte oder wollte sich nicht mehr wehren, weil er selbst genervt war und sein Protegé Sebastian Pini, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, angeblich einen dunklen Fleck auf seiner Weste hat, der nicht bekannt werden sollte. "Am Schluss kämpfte jeder gegen jeden in der FDP", sagt einer, der dabei war.

Die Jamaikaner hofften dennoch auf Rettung. Dazu hätte Hartmann den glamourösen Ministerposten, "auf den Mama und Gattin so viel Wert legten", gegen den trockenen Arbeitsjob des Fraktionschefs tauschen müssen. Doch Hartmann sträubte sich dem Vernehmen nach "mit Händen und Füßen". Als weitere "Merkwürdigkeiten" im Umgang Hartmanns mit Fahrkostenpauschalen bekannt wurden, der junge Luksic zudem die Personalmisere der FDP nicht in den Griff bekam, zog Kramp-Karrenbauer, deren Weihnachtsurlaub an der Nordsee von steten Hiobs-Botschaften aus dem Saarland getrübt war, die Reißleine. Es war das Ende von "Jamaika" - aber nicht das Ende einer merkwürdigen Verbundenheit zweier Liberaler, die das Projekt mit Karacho an die Wand gefahren haben. bb

Foto: Becker&Bredel

Foto: Wieck/dapd

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