Zur Ehe gezwungen

Saarbrücken. Die kleine zierliche Frau mit den dunklen Locken wirkt fest entschlossen: "Ich werde meine Geschichte der Öffentlichkeit erzählen, zum ersten Mal." Was die gebürtige Kurdin erlebt hat in dieser Ehe, in die sie gezwungen wurde, würde wohl reichen, um zwei Leben zu zerstören

Saarbrücken. Die kleine zierliche Frau mit den dunklen Locken wirkt fest entschlossen: "Ich werde meine Geschichte der Öffentlichkeit erzählen, zum ersten Mal." Was die gebürtige Kurdin erlebt hat in dieser Ehe, in die sie gezwungen wurde, würde wohl reichen, um zwei Leben zu zerstören. Als Gül (Name geändert) 14 Jahre alt ist, schaut sich ihr Vater, ein türkisch-kurdischer Gastarbeiter, nach einem passenden Mann für seine älteste Tochter um. Ganz entgegen früherer Beteuerungen, seine Töchter sollten ihre Ehemänner einmal selbst wählen können. Ein Vertrauensbruch. Zumal Gül bereits einen Freund hat, den der Vater aber strikt ablehnt. Die Spannungen wachsen, das junge Paar will fliehen. Doch während ihr Freund bereits in der Türkei ist, landet Gül im Krankenhaus. Schwanger, mit Fünfzehn. Und allein mit panischer Angst vor der Familie. Das Krankenhaus hilft ihr, das Jugendamt einzuschalten. Gül kommt in ein Mutter-Kind-Heim, wo sie entbindet - ohne das Wissen von Vater und Mutter. Diese spüren sie schließlich doch auf. Die Erinnerung daran wühlt die 44-jährige Dolmetscherin heute noch auf: "Die Behörden", empört sie sich, "haben völlig versagt." Die Heimleiterin habe sich von ihrem Vater einwickeln lassen, von seinem Versprechen, der Tochter werde auch bestimmt nichts geschehen, wenn sie nach Hause komme. "Ich selbst aber war mir sicher: Entweder werde ich jetzt verheiratet oder getötet." Der Schmerz, er wirkt bis heute nach. Gül presst die Lider fest zusammen und als sie ihre Augen wieder öffnet, sind sie feucht: "Ich war ein Kind, das allein kämpfen musste - gegen die eigene Familie und gegen die Behörden." Gegen ihren Willen wird ihre kleine Tochter schließlich zur Adoption freigegeben. Das habe sie, sagt Gül, nie verwunden.Nach kurzer Flucht kommt es so, wie es Gül befürchtet hat. Im Haus eines Verwandten wird sie verheiratet, mit einem 27-jährigen Mann aus Saarbrücken, den die damals 17-Jährige ein einziges Mal vor der Hochzeit sehen darf - und der ihr höchst unsympathisch ist. Trotzdem muckt sie nicht auf, denn sie sieht keinen Ausweg, weil sie durch die Geburt eines unehelichen Kindes die Ehre der Familie befleckt hat. Wie Gül gehört auch ihr Bräutigam der strengen kurdischen Religionsgemeinschaft der Jesiden an: Wer als Jeside etwa einen Andersgläubigen heiratet, wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Über ihren Ex-Mann sagt Gül voller Abscheu: "Er ist ein eiskalter Mensch." Die Hochzeitsnacht mit ihm schildert sie als eine Vergewaltigungsnacht - der noch viele weitere folgen. Zehn Jahre, sagt sie, ist sie von ihrer Familie abgeschirmt. Sie fühlt sich allein - mit einem "gewalttätigen Psychopathen", der ihr Wangenknochen- und Nasenbrüche zufügt. Drei Kinder bringt sie in dieser erzwungenen Ehe zur Welt: zwei Töchter und einen Sohn. Nach einer Weihnachtsfeier im Jahr 1992 eskaliert die Gewalt beim Nachhausegehen: Güls Mann wird wütend, bearbeitet ihr Gesicht mit den Fäusten, donnert ihren Kopf gegen eine Tür. Beobachtet wird der Gewalt-Exzess von fünf deutschen Männern, die keinen Finger rühren. "Als ich um Hilfe schrie, haben sie alle weggeschaut", erzählt Gül bitter. Die junge Frau kommt mit schweren Gesichtsverletzungen, mit Gehirnerschütterung und Nierenquetschung ins Krankenhaus, muss operiert werden. Dass sie die Kraft hatte, alles zu überleben, verdanke sie ihren Kindern, sagt Gül heute. Und einem Schutzengel, den sie gehabt habe, als ihr Mann die Bremsflüssigkeit ihres Autos mit Wasser versetzte. Kaum jemand wusste von ihrem Martyrium. "Ich war eine gute Schauspielerin. Auch weil ich mich so geschämt habe für das, was mir andere angetan haben." Nach 14 Jahren schließlich setzt Gül in ihrer Verzweiflung alles auf eine Karte: Sie lässt sich beraten und reicht mit juristischer Hilfe die Scheidung ein.Einige Zeit später heiratet sie noch einmal, diesmal ihre große Liebe, einen Moslem. Dass auch diese Beziehung zerbricht, führt sie auf die Folgen ihrer Zwangsehe zurück. An die Behörden appelliert sei, "doch endlich genauer hinzusehen". Es sei vor allem eine falschverstandene Toleranz, die rechtzeitiges Eingreifen verhindere, sagt sie. Bei der 19-jährigen Ayse (Name geändert) aus dem Raum Saarbrücken war es die Großmutter, die sie vor vier Jahren der Familie ihres Onkels versprach. Allen körperlichen und seelischen Verletzungen zum Trotz wirkt Ayse heute erstaunlich selbstbewusst und lebensfroh. 15 Jahre ist sie alt, als der Deal besiegelt wird. Ihr Vater, ein türkischer Kurde und Angehöriger einer religiösen Minderheit, sei zunächst schockiert gewesen. Dennoch, erzählt Ayse, "widersprach er meiner Großmutter und seinem Bruder nicht". Auch Ayses eigener heftiger Widerstand wird nicht erhört. Drei Monate später ist das Mädchen mit seinem Cousin verlobt, ein Jahr darauf - mit 16 - verheiratet. Die Trauung mit dem damals 17-jährigen Celal (Name geändert) in einer Familien-Zeremonie erlebt die Schülerin wie in Trance. "Ich habe aus Angst ja gesagt, weil ich dachte, man bringt mich sonst um." Bis heute sei sie davon überzeugt, dass man ihren Tee vor der Hochzeitsnacht mit einem starken Betäubungsmittel versetzt habe. Ihren Mann Celal, mit dem sie im Hause seiner Eltern lebt, lässt sie nach der ersten Nacht nicht mehr an sich heran. Woraufhin sie als Hure, als Schlampe beschimpft wird - und Schläge bekommt. Celal, sagt Ayse, sei psychisch gestört, schon als Kind sei er ein Schwererziehbarer gewesen, "ein Sonderschüler, mit dem man gar nicht reden konnte". Ayses Misstrauen gegenüber der Familie, in der sie lebt und wie "ein Aschenbrödel arbeiten muss", ist schließlich so groß, dass sie das Essen einstellt. Nach einigen Monaten landet sie im Krankenhaus - am Ende ihrer Kräfte, mit schweren Bauchkrämpfen. Wieder genesen vertraut sich Ayse einer Freundin an, die mit ihr ein Praktikum absolviert. Irgendwann reift der Gedanke zur Flucht. Ayse ist verzweifelt - und nimmt schließlich professionelle Hilfe in Anspruch. Mitarbeiter des Deutsch-Ausländischen Jugendclubs (DAJC) in Saarbrücken erstellen einen Plan: Ayse soll zunächst in ein Frauenhaus, weit weg von Saarbrücken. Sie kündigt ihr Bankkonto, besorgt sich eine neue Handy-Karte und gibt eine Kopie ihres Personalausweises bei der Polizei ab, damit sie auf eine mögliche Vermisstenanzeige hin nicht gesucht wird. Am Ende fliegt die Flucht doch auf - wegen eines Missgeschicks: Ayse vergisst unterwegs im Zug, ihre Telefonkarte zu wechseln. Und hat bald darauf die Familie an der Strippe. Zum ersten Mal, berichtet Ayse, wagt sie es, ihrem Vater Vorwürfe zu machen: "Außer deiner Ehre interessiert dich offenbar nichts. Warum hast du mir nicht geholfen?" Der Vater reagiert verletzt, aber einsichtig. Er schwört seiner Tochter, dass sich alles ändern werde, wenn sie nach Hause komme. Ayse entschließt sich zurückzukehren. Seit mehr als einem Jahr wohnt sie wieder bei ihren Eltern. Bislang hat ihr Vater Wort gehalten. An Heirat denkt Ayse vorläufig nicht. Sie hat einen ehrgeizigen Traum: Nach Beendigung der Schule will sie Architektur studieren.

HintergrundZwangsehen kommen vor allem in streng patriarchalisch geprägten Gesellschaften beziehungsweise Religionen vor - dort, wo Familien-Ehre als moralischer Maßstab dominiert. Über die Anzahl der Zwangsverheiratungen in Deutschland gibt es (noch) keine verlässlichen Daten. Jedoch sind nach Angaben der Organisation Terre de femmes zurzeit Studien in Arbeit. In der Bundesrepublik gilt die Zwangsheirat als besonders schwerer Fall der Nötigung und wird mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren geahndet. Im Saarland beschäftigt sich gerade ein Runder Tisch, initiiert vom Ministerium für Arbeit, Familie, Prävention, Soziales und Sport, mit der Vorbereitung einer Kampagne zur Bekämpfung der Zwangsheirat. Infos und Anlaufstellen für Betroffene im Saarland: HSH e. V. - Beratungsstelle für Migrantinnen in Saarbrücken, Tel. (06 81) 3 73 61 oder (01 73) 3 06 58 32 oder Deutsch-Ausländischer Jugendclub (DAJC) Saarbrücken, (06 81) 3 32 75 ine

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