„Zeit“-Chefredakteur: "Spiegel"-Betrugsfall Claas Relotius schadet Kriegsreportern

Causa Claas Relotius : „Zeit“-Chefredakteur: Betrugsfall schadet Kriegsreportern

Der Betrugsfall beim Nachrichtenmagazin „Spiegel“ beschädigt nach Ansicht des „Zeit“-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo das Genre der Reportage als Ganzes.

Dies gelte insbesondere für „die Figur des Kriegsreporters, der normalerweise in Gebiete geht, in denen die Herrschenden ein besonderes Interesse daran haben, dass keine Informationen nach außen dringen“, sagte di Lorenzo in einem „Spiegel“-Interview. „Diese Reporter geraten jetzt unter Generalverdacht.“ Dass jetzt an der Wahrhaftigkeit von Berichten gezweifelt werde, für die Menschen ihr Leben einsetzten, das sei der eigentliche Schaden.

Der „Spiegel“ hat das Interview mit di Lorenzo in seiner neuen Ausgabe gedruckt, die seit Samstag auf dem Markt ist und den Betrugsfall im eigenen Haus zur Titelgeschichte macht. Di Lorenzo sagte, es müsse auch die Frage gestellt werden, ob es im Genre der Reportage zu einer Deformation gekommen sei. „Bei einigen Arbeiten, die für den Nannen-Preis eingereicht werden, frage ich mich: Ist das noch Journalismus oder schon ein Roman?“ Di Lorenzo sitzt in der Jury des Nannen-Preises, der zu den wichtigsten Auszeichnungen im deutsch­sprachigen Journalismus gehört. „Mittelmäßige und langweilige Geschichten sind und bleiben eine Zumutung! Andererseits gibt es die eine oder andere Reportage, bei der es mittlerweile so ist wie bei der Überzüchtung von Hunden oder Pferden – zu schön, um noch authentisch zu wirken.“

Über den „Spiegel“-Redakteur, der im großen Stil Texte gefälscht haben soll, meinte di Lorenzo, seiner Erinnerung nach seien in den vergangenen Jahren mindestens zwei seiner Geschichten in der Diskussion für die beste Reportage des Jahres gewesen. „Aber in der Jury gab es Zweifel.“ Zwar habe man nicht an Fälschungen gedacht. „Aber diese Geschichten waren von einer Glätte, Perfektion und Detailbesessenheit, dass es einige von uns nicht glauben konnten.“

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