Zahlen-Alarm aus BrüsselGriechenlands letzte Hoffnung

Athen. Lucas Papademos ist kein großer Redner und kein Mann, der die Leute zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Aber der politisch unerfahrene Bankier ist die letzte Hoffnung Griechenlands. Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) soll mitten in der Schuldenkrise eine Regierung anführen, die die drohende Staatspleite abwenden und Griechenland in der Euro-Zone halten soll

Athen. Lucas Papademos ist kein großer Redner und kein Mann, der die Leute zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Aber der politisch unerfahrene Bankier ist die letzte Hoffnung Griechenlands. Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) soll mitten in der Schuldenkrise eine Regierung anführen, die die drohende Staatspleite abwenden und Griechenland in der Euro-Zone halten soll. "Ich bin kein Politiker", räumte der 64-jährige Papademos gestern ein, nachdem Staatspräsident Karolos Papoulias ihm den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt hatte. "Ich habe mich den größten Teil meines Lebens mit Finanzdingen befasst." Der kühle Rechner, der sich mit Zahlen und Bilanzen auskennt, weiß, worauf er sich eingelassen hat: Griechenlands Schulden laufen aus dem Ruder und könnten nach einer Prognose der EU-Kommission 2012 unter Umständen gar knapp 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Die Arbeitslosenquote stieg nach Angaben der Athener Statistikbehörde auf 18,4 Prozent. In Griechenland stehen nicht nur die Wirtschaft und Finanzen vor dem Ruin, sondern auch die Politik hat quasi ihren Bankrott erklärt. Die politischen Parteien sahen sich nicht mehr in der Lage, den Abwärtstrend aufzuhalten, und legten das Schicksal in die Hand von Papademos.Der Bankier ist einer der wenigen Griechen, die in der europäischen Finanzwelt einen Namen haben und geachtet werden. Aber er kennt sich nicht nur mit Aktien und Anleihen aus. Er weiß auch, dass in Griechenland neben der wirtschaftlichen auch eine psychologische Depression herrscht. "Wir müssen alle optimistisch sein, dass wir es schaffen können", sagte er.

Papademos ist politisch an keine Partei gebunden. Von ihm heißt es aber, er stehe eher den Sozialisten nahe, weil er 1994 vom damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou zum Chef der Athener Zentralbank ernannt wurde. Er gilt als der Architekt des Beitritts Griechenlands zur Euro-Zone. Die Griechen nahmen es mit Erleichterung auf, dass ihr Land nach einem tagelangen Hickhack der Parteiführer eine neue Regierung bekommt, aber sie brachen nicht in Jubel aus.

Die Bevölkerung weiß, dass Papademos ihr neue Opfer abverlangen wird. Zudem geht die Angst um, dass alle Rettungsbemühungen für Griechenland vielleicht schon zu spät kommen könnten: Wenn demnächst auch Italien internationale Hilfe in Anspruch nehmen muss, könnte für Athen kaum noch genügend Geld übrig sein.Foto: Gobet/afp

"Das Wachstum in Europa ist zum Stillstand gekommen."

EU-Kommissar

Olli Rehn

Meinung

Vernunft statt Egoismus

Von SZ-KorrespondentDetlef Drewes

Man darf verbittert, ja wütend sein. Während die EU-Kommission schockierende Daten über das Wirtschaftswachstum vorlegt, spielen die Verantwortlichen in Athen und Rom munter ihre Machtspielchen weiter, als sei nichts geschehen. Nicht politische Verantwortung für das eigene Land und die Euro-Partner treibt sie an, sondern egoistische Motive plus eine gehörige Portion Parteipolitik. Da darf sich niemand wundern, wenn die, die ihre Verantwortung ernstnehmen, über eine kleine, aber feine Währungsunion nachzudenken beginnen. Um es ganz klar zu sagen: Diejenigen, die die ganze Euro-Zone in den ökonomischen Stillstand ziehen, sind dieselben, die jahrelang über ihre Verhältnisse lebten und jetzt an die europäische Solidarität appellieren. Eine gemeinsame Währung kann mit solchen Partnern nicht funktionieren. Die Situation muss Konsequenzen haben. Es kann nicht sein, dass die schwachen und uneinsichtigen Mitglieder die Gemeinschaft ausbremsen können. Europa hat nun vom Währungskommissar schwarz auf weiß bekommen, wohin man abdriftet, wenn man so weitermacht. Wann werden die Unbelehrbaren endlich vernünftig?