Wulffs Kampf geht weiter

Christian Wulff hat wieder die öffentliche Bühne betreten: als Autor eines Buchs über seinen Rücktritt als Bundespräsident. Bei der Präsentation wirkt er befreit. Doch mit der Boulevard-Presse scheint er noch lange nicht fertig zu sein.

Christian Wulff hat offenbar seit seinem Freispruch vom Landgericht Hannover vor fast vier Monaten Kraft getankt. Die Wangen sind nicht mehr so eingefallen, die Blässe ist aus seinem Gesicht gewichen. Scheinbar ohne jede Nervosität formuliert Wulff seine Sätze auf dem Podium der Bundespressekonferenz, betont sachlich. Der Mann, der sich von Medien und Justiz zur Jahreswende 2011/2012 aus dem Schloss Bellevue gejagt fühlt, aus seiner Sicht aber ohne wirkliche Chance zur Gegenwehr gewesen ist, hat eine Botschaft: Sein Kampf geht in die nächste Runde. Der Gegner ist ausgemacht.

Er hat ein Buch geschrieben. Wulff, 598 Tage Bundespräsident, keine zwei Jahre, hat seine Notizen und Aufzeichnungen durchgearbeitet. Dazu die ganzen Akten, die im Laufe des Verfahrens wegen des Vorwurfs der Vorteilsnahme und der Bestechlichkeit gegen ihn aufgelaufen sind. "Ganz oben ganz unten" heißt das Werk. Kein Journalist hat es vorher zu lesen bekommen. Wulff ist auf der Hut, seit sein Leben und seine finanziellen Verhältnisse bis ins kleinste Detail ins Visier genommen worden sind. Er sei der bestdurchleuchtete Politiker, behauptet er. Über Hotelrechnungen bis hin zum Bobby-Car seines Sohnes - es gibt fast nichts, über das während der Affäre nicht berichtet worden ist. Man merkt dem 54-Jährigen an, dass die 256 Seiten jetzt eine persönliche Befreiung sein sollen. "Für mich persönlich ist dieser Tag heute hier ein Neuanfang", sagt er vor der versammelten Hauptstadtpresse. Kein Wort dazu, dass seine ehemalige Frau, Bettina Wulff, dies auch schon mit einem Buch versucht hat: "Jenseits des Protokolls." Von den meisten Kritikern wurde es allerdings als peinliche Abrechnung mit ihrem damaligen Mann verrissen.

Ob Wulffs Buch ähnlich unangenehm ist, weiß man mangels Lektüre noch nicht. Als Bundespräsident sei er zum Opfer des Jagdfiebers der Medien geworden, die sich mit der Justiz die Bälle zugespielt hätten, erklärt er. Darin liege eine ernste Gefahr für die Demokratie. Wulff, der jetzt wieder als Anwalt arbeitet und sich künftig stärker als Vortragsreisender politisch einbringen will, fordert eine neue Umgangskultur mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Geht es um eigene Fehler, wird er eher beiläufig konkret: Nicht umfassend genug habe er in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident über den umstrittenen Hauskredit eines Freundes Auskunft gegeben. Auch hätte er als Bundespräsident mehr Distanz halten müssen - beispielsweise mit Blick auf Urlaube bei befreundeten Unternehmern. Ebenfalls sei es falsch gewesen, dem Chefredakteur der "Bild" auf die Mailbox zu sprechen. Eine halbe Stunde ist vergangen, da sagt er den für ihn vom eigenen Selbstverständnis her wohl wichtigsten Satz: "Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre heute der Richtige im Amt." Wenn aber gegen ein Staatsoberhaupt Ermittlungen eingeleitet würden, dann bliebe halt nur der Rücktritt. Inzwischen wisse man, dass die Staatsanwaltschaft Hannover "mit leeren Händen" dagestanden habe. Aus seiner Verachtung für die Juristen macht er keinen Hehl.

Auch nicht aus der für die "Bild". Vor allem mit ihr scheint Wulff noch lange nicht fertig zu sein. Mehrfach greift er einen Fragesteller der Zeitung an, er fordert ihn sogar auf, sich zu überlegen, für wen er arbeite. Kein Wort dazu, dass der CDU-Mann Wulff den Boulevard auch geschickt für seinen politischen Aufstieg genutzt hat.

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