Wo sind all die Tiere hin?

Um die Pflanzen- und Tierwelt in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Die Ergebnisse der bisher umfassendsten „Generalinventur“ sind teils alarmierend. Umweltministerin Hendricks besorgt, dass fast jede dritte Tierart bedroht ist.

 Feuersalamander sind hierzulande wegen des Rückgangs von Feuchtgebiete immer seltener zu sehen. Foto: Fotolia
Feuersalamander sind hierzulande wegen des Rückgangs von Feuchtgebiete immer seltener zu sehen. Foto: Fotolia Foto: Fotolia

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die grünen Auen in goldgelb, hier an der Blies, mitten im Süden des Saarlandes nahe der französischen Grenze. Aus dem Wald dringen die schrillen Laute eines Steinkauzes. Sie sind noch in hunderten Metern Entfernung auf den hügeligen Wiesen zu hören, auf denen huschen gerade einige braun-orange-gefärbte Skabiosen-Scheckenfalter über wilde Orchideen hinweg. Sie sind auf dem Weg in ihr Nachtquartier. Die Szenerie im Bliesgau erinnert an die Heile-Welt-Romantik aus Heimatfilmen der 50er Jahre. Doch das Idyll ist real. Und so könnte es eigentlich überall im Saarland und im Rest der Bundesrepublik aussehen. Doch so ist es nicht. Die Falter und Steinkäuze sind bedroht, genau wie einige Gattungen der wilden Orchideen.

Das zeigt eine "umfassende Inventur der Natur in Deutschland", die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gestern in Berlin präsentierte. Sie will das Thema biologische Vielfalt stärker in den Fokus rücken. Hendricks illustriert die Bedeutung am Beispiel der Bienen. Wenn sie nicht wären, gebe es keine Äpfel und Kirschen mehr. "Das sind eigentlich Milliardenwerte, die die fleißigen Bienen für uns erwirtschaften", mahnt die Ministerin. Wildkatze und Seeadler haben der Erhebung zufolge in Deutschland etwas gemeinsam. Genauso wie Kiebitz und Uferschnepfe. Bei den ersten beiden haben sich die Bestände erholt. Bei den anderen beiden hingegen setzen sich die deutlichen Verluste fort. Bei 84 Brutvogelarten gibt es insgesamt einen rückläufigen Trend. Und: 29 Prozent der untersuchten rund 195 Tierarten geht es schlecht.

Der Grund für die "Generalinventur" mit 12 000 Stichproben zu Tier- und Pflanzenvorkommen und dem Zustand von 92 Lebensräumen wie Wiesen, Flussauen und Mooren sind zwei EU-Richtlinien, die Vogelschutzrichtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, die die Ausweisung von Schutzgebieten für EU-weit bedeutende Arten fordern.

Die Daten wurden in die Ampelfarben Grün (für günstiger Erhaltungszustand), Gelb (unzureichend) und Rot (schlechter Zustand) übersetzt. Die Tabellen zeigen nur bei insgesamt einem Viertel der Arten Grün. 28 Prozent geht es schlecht, 31 so lala. Bei 16 Prozent konnte keine Angabe ermittelt werden. Die Ergebnisse unterscheiden sich sehr - je nachdem, in welcher Gegend sie ermittelt wurden. Deutschland ist in drei verschiedene "biogeografische" Regionen eingeteilt: eine atlantisch geprägte im Nordwesten, etwa nördlich einer Linie Köln - Hannover - Kiel, eine kontinentale, die den großen Rest der Republik ausmacht, und eine alpine. Das ist ein kleiner Streifen in und vor den Alpen. Richtig gut geht es der Natur nur dort. Dieser Lebensraum wird zu 64 Prozent als weitgehend intakt bewertet, nur elf Prozent der Arten haben hier eine schlechte Situation.

Ganz schlecht sieht es hingegen im Nordwesten aus, und das liegt an der intensiven Nutzung der Flächen für die Landwirtschaft, aber auch an der Zerschneidung von Naturräumen durch Verkehrswege und Industriegebiete. Von Nordrhein-Westfalen über Niedersachen bis Schleswig-Holstein steht die Ampel für 40 Prozent der Arten auf Rot, nur für 20 Prozent auf Grün. Und nur 17 Prozent der Flächen gelten hier als halbwegs intakt. Der große kontinentale Rest Deutschlands - zu dem auch das Saarland gehört - steht etwas besser da.

Besondere Sorge macht bundesweit die Entwicklung des Grünlandes. Immer mehr Wiesen verlieren ihre frühere Blütenpracht und Vielfalt - entweder durch Düngung, um häufiger mähen zu können, oder weil sie in Ackerland umgewandelt werden. Dann wird dort meistens Mais angebaut. Hendricks sprach sich strikt gegen die Ausweitung der Nutzung von Energiepflanzen aus. Denn durch den Verlust artenreichen Grünlandes verlören zahlreiche Tiere und Pflanzen ihre Lebensräume. Bei vielen Schmetterlingsarten sei dies zu beobachten. Ohnehin gehen jeden Tag 74 Hektar Fläche durch Versiegelung ganz verloren.

Wo es positive Entwicklungen im Vergleich zu 2007 gibt, hat oft eine aktive Naturschutzpolitik nachgeholfen. Der Wolf ist bei den Säugetieren dafür das beste Beispiel. Derzeit gibt es 26 Rudel in Ostdeutschland. Das Potenzial in Deutschland betrage bis zu 440 Rudel, wenn alle in Frage kommenden Lebensräume von den Tieren besiedelt würden, sagte Hendricks. Allerdings gebe es westlich der Elbe derzeit wahrscheinlich nur einen männlichen Wolf. "Da ist die Vermehrungsgefahr im Moment noch gering", witzelte die Ministerin. Positiv entwickelten sich auch Fledermausbestände. Kröten und Echsen geht es in der Tendenz schlechter, was auch an fehlenden Flussauen und Feuchtgebieten liegt. Ziemlich gut ist fast überall die Lage der Süßwasserfische in Flüssen und Seen, was von dem verbesserten Zustand der Gewässer zeugt.

Ganze Datensammlung unter www.bmub.bund.de/p2976