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Wo Rock-Idole ihre Ahnengalerie haben

Wo Rock-Idole ihre Ahnengalerie haben

„Generation Pop – hear me, feel me, love me!“ will mehr sein als eine Ausstellung. Das 1,5 Millionen Euro teure Projekt in der Völklinger Gebläsehalle vernetzt Konzerte, Lesungen und Kunstausstellungen zu einem Gesamterlebnis. Mehr als 60 000 Besucher sollen kommen.

Immer schon, seit Meinrad Maria Grewenig Generaldirektor des Völklinger Weltkulturerbes ist, erwiesen sich die Ausstellungen als Wundertrommel. Die unüberschaubare Fülle vermeintlich wild zusammengewürfelter Exponate ordnete sich erst im Kopf des Besuchers zu einem logischen Ganzen. Mit der Ausstellung "Generation Pop" hat es das Grewenig-Team allerdings auf unseren Bauch abgesehen. "Hear me, feel me, love me!", schreit uns der Untertitel entgegen, und diese gefühlsaufwühlende Grundhaltung durchzieht die gesamte Präsentation. Pink, orange, gelb, grün knallen uns die Stellwände entgegen, die Beleuchtung scheint in Disco-Manier zu glühen, und unter den "Soundduschen" nehmen wir Wechselbäder aus Elvis-Balladen, "Saturdaynight-Fever"-Hits oder Pink-Floyd-Sphärenklängen.

Man könnte es auch so sagen: Die Ausstellung, die im "Mekka der Popkultur" spielt, wie der Generaldirektor das Industriekulturdenkmal seit Kurzem nennt, seit er dort mit Mel Ramos oder Allen Jones die Popart als feste Programmgröße installiert hat, ist irgendwie selbst Pop. Weil "Pop alles ist, was uns berührt hat und berührt", dies nur eine der x Definitionen, die uns die Ausstellungsmacher anbieten. Sie wollen nicht weniger als die "Träume, Idole, Fantasien" der vergangenen 60 Jahre lebendig werden lassen. Das passiert in sechs Themenräumen unter Überschriften wie "Urknall des Pop", "Pubertät der Popkultur" oder "Pop-Lifestyle für alle". Eingeklinkt ist auch eine Abteilung mit "Innovationen", die sich um Elektrizität drehen. Denn "Edison ist schuld", dass sich Technologien und Musik bis heute, bis zur Digitalisierung in der Cloud, eng verzahnen. Historische Tonbandgeräte, Computerspiele, Jukeboxen oder MP3-Player machen dies deutlich.

Zuerst durchschreiten wir allerdings eine Ahnengalerie der 120 vermeintlich bedeutendsten Pop-Ikonen, nach dem wenig erkenntnisfördernden Muster: Mao trifft Uschi Obermeier oder Karl Lagerfeld Modern Talking. Standard-Porträt-Fotos, schade. Später wird in Fotos von Willy Brandts Warschauer Kniefall (1970) bis zum Arabischen Frühling auch noch die gesamte Weltgeschichte ins Konzept gemixt. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Alltagshistorie. Wir sehen nicht nur das Metall bestickte Bühnen-Outfit von Michael Jackson, sondern auch Tante Gerdas Pepitakleid mit passendem keckem Hütchen aus den 50ern. Wir freuen uns nicht nur über das Spiegelpiano von Elton John, Originalbriefe George Harrisons, die Brille von Janis Joplin oder Eric Claptons Mundharmonika, sondern auch über die Erfindung der Antibabypille oder die der Swatch-Uhren. Plattencover, H.A. Schults Müll-Kunstwerke, der Saarbrücker Showpreis "Goldene Europa" oder ein Hippie-VW-Reisebus - all dies hat in der 6000 Quadratmeter großen Gebläsehalle und unter dem "Generation Pop"-Label locker Platz. Denn die Ausstellung konzentriert sich nicht auf ein musikgeschichtliches Phänomen, sondern nimmt - Zitat - den "umfassendsten und tiefsten Veränderungsprozess der Zivilisation der Moderne" ins Visier, sprich das sich ständig wandelnde Lebensgefühl von den 50er Jahren bis in die Gegenwart. Durch diese maximale Fassung des Themas wird zwangsläufig das Lückenhafte Programm - und ist legitim. Doch Popmusik-Kenner dürften Vertiefendes oder Überraschendes vermissen.

Am Ende des ausladenden Rundgangs steht die Post-Pop-Ära das Cyberspace. Einst war Pop ein Gemeinschaftserlebnis, massenkonform, heute bastelt sich jeder seine Musikbeschallung durch Internet-Downloads selbst, hört sie über Ohrstöpsel. Der neue King des Pop ist einsam, es sind wir selbst. Das zeigt uns nicht nur eine Musik- und Videobilder-Teststation des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), sondern auch ein Spiegel-Labyrinth, das uns das eigene Bild zurückwirft. Wir sind alle Pop? Das ist ein naheliegender Gag im Zeitalter der Narzissten. Wie insgesamt diese Präsentation dem bewährten, allerdings hochprofessionellen Schema und der Optik folgt, die man bereits als "Völklinger Stil" bezeichnen könnte. Und die man loben muss, weil sinnlicher Spaß garantiert ist. Da spielt dann weder die Echtheit oder die Exklusivität der Exponate eine Rolle noch ein wissenschaftlich ehrgeiziges Konzept.

Doch Grewenigs Anspruch liegt sowieso ganz woanders. Er hat sich auf den Weg gemacht zu einem entgrenzten "Museum der Zukunft", das zur Drehscheibe für Events wird. So konsequent wie selten zuvor wurde "Generation Pop" vernetzt mit anderen Veranstaltern. Allen voran mit dem Partner Saarländischer Rundfunk, der im Beirat mitgewirkt hat. Der SR bringt seine "Unplugged"-Konzertreihe auf die Gebläsehallen-Bühne, veranstaltet Lesungen ("Fragen an den Autor", "Reden mit") oder lädt zur "Weltpremiere" von Freydanks Film "Der Bau". Gilt das Motto: Pop ist, wenn im Museum "Action" ist?

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Auf einen BlickDie Ausstellung läuft bis 15. Juni 2014; sie ist bis 1. November täglich geöffnet von 10 bis 19 Uhr, danach bis 18 Uhr. Eröffnungsfest am 14. September ab 15 Uhr; es spielen Live-Bands (Custord Pies, The Quarrymen, Robot Scientists). 17 Uhr: offizielle Eröffnung mit SR-Intendant Thomas Kleist und Wirtschaftsminister Heiko Maas. Auch nicht geladene Gäste haben Zutritt, müssen sich gegebenenfalls auf Wartezeiten einstellen. Infos: Tel. (0 68 98) 9100-100; www. voelklinger-huette.org ce