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WM-Gastgeber schwankt zwischen Enttäuschung und Euphorie

WM-Gastgeber schwankt zwischen Enttäuschung und Euphorie

Kapstadt. Im Foyer eines Fünf-Sterne-Hotels in Kapstadts Nobelviertel Newlands zeigt eine Besucherin einem Gast verstohlen einen Aufkleber, auf dem "F. . . Fifa" steht. Das F-Wort ist in Südafrika verboten. Daher wird der Aufkleber nur heimlich weitergereicht. Vukani Mchunu ist zu arm, um sich ein WM-Ticket zu kaufen

Kapstadt. Im Foyer eines Fünf-Sterne-Hotels in Kapstadts Nobelviertel Newlands zeigt eine Besucherin einem Gast verstohlen einen Aufkleber, auf dem "F. . . Fifa" steht. Das F-Wort ist in Südafrika verboten. Daher wird der Aufkleber nur heimlich weitergereicht. Vukani Mchunu ist zu arm, um sich ein WM-Ticket zu kaufen. Der Fußball-Fan hat zehn Kilo Draht zu einer Nachbildung des Original-Fifa-Pokals verarbeitet. Er will sein Kunstwerk der südafrikanischen Nationalmannschaft mit den Worten überreichen: "Yes, you can". Und ein Karikaturist veröffentlichte vergangene Woche die Zeichnung einer Weltkugel, auf der Fifa-Chef Sepp Blatter gerade eine Flamme mit der Aufschrift "Pressefreiheit" löscht. Hinter Blatter haben sich Gestalten versammelt, die "Fifa-Schmiergeld" und "Fifas leere Versprechungen an Afrika" heißen.

Momentaufnahmen aus Südafrika, dem Gastgeberland der ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Einem Land, das vier Wochen vor dem Anpfiff gespannt und gespalten ist, hin- und hergerissen zwischen Enttäuschung und Euphorie. Zehn Weltmeisterschaftsstadien, die jedem Land zur Zierde gereichen würden, sind fertig. Polizei und Armee demonstrieren in großangelegten Übungen, dass sie in der Lage sind, Spieler und Fans zu schützen. Immer mehr Südafrikaner schmücken ihre Kleidung und Autos mit den Landesfarben. Doch das Transportsystem in Johannesburg und Kapstadt funktioniert nicht. In Johannesburg werden die neuen Busse von Taxifahrern, die um ihre Existenz fürchten, mit Steinen beworfen. Die Transportarbeiter haben ihren für diese Woche angekündigten Streik zwar erst einmal verschoben, stehen aber weiter in den Startlöchern, das ganze Land durch einen Ausstand lahmzulegen. Und die Metallarbeiter wollen für landesweite Stromausfälle sorgen, wenn sie nicht mehr Lohn bekommen.

Polizeiminister Nathi Mthethwa erklärt stolz, die 50 gefährlichsten Gangster seien hinter Gittern, gibt aber zu, dass Banden ihr Tätigkeitsfeld aus den Städten aufs Land verlegt hätten. Außerdem spricht er von einer Gefahr, an die vor dem Mord an dem Rassistenführer Eugène Terre Blanche, noch niemand gedacht hätte: Terrorangriffe von rechtsextremen Gruppen. In Pretoria wurde eine Gruppe Neonazis ausgehoben, die ihre Sprengkörper vor der WM in schwarzen Armenvierteln testen wollte.

Unterdessen wächst die Wut über die Fifa. Der freie Ticket-Verkauf in Südafrika geriet zum Fiasko: Es gab lange Warteschlangen; bezahlte Karten waren nicht verfügbar. Zudem verfolgt der Fußballverband jeden, der WM-Symbole "widerrechtlich" zeigt und nutzt. Der Billig-Flieger "Kulula" wurde gezwungen, eine Anzeige zurückzuziehen, in der gespottet wurde: "Wir sind die inoffizielle nationale Luftlinie. Sie wissen schon wovon". Zum Helden geriet der Kleinunternehmer Grant Abrahamse, der einen Schlüsselring produziert, auf dem eine Vuvuzela - ein Blasinstrument und Symbol des südafrikanischen Fußballs - sowie die Landesfarben und die Zahl 2010 zu sehen sind. Abrahamse wehrt sich verzweifelt gegen die Fifa, die ihm den Verkauf verbieten will. Das Fass zum Überlaufen brachte die Verleihung eines nach dem Freiheitskämpfer O.R. Tambo benannten Ordens an Fifa-Chef Blatter. "Der frühere ANC-Führer würde sich im Grabe umdrehen", kommentierte die "Cape Times" bitter.

 Die südafrikanische Polizei sieht sich gerüstet für die WM. Foto: dpa
Die südafrikanische Polizei sieht sich gerüstet für die WM. Foto: dpa