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Wirtschaftsforscher: Langjähriger Aufschwung in Deutschland zu Ende

Wirtschaftsforscher: Langjähriger Aufschwung ist zu Ende : Dunkle Wolken am Konjunkturhimmel

Der Konjunkturboom ist erst einmal Geschichte, und die internationalen Risiken lassen für Deutschland nur noch ein Mini-Wachstum erwarten. Zu dieser Einschätzung kommen die führenden Wirtschaftsinstitute in ihrem gestern in Berlin veröffentlichten Frühjahrsgutachten.

Der Bundesregierung legen sie ans Herz, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern.

„Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende“, erklärte Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Zugleich räumte er namens seiner Fachkollegen ein, sowohl das Ausmaß der inländischen Produktionshemmnisse – siehe die Probleme der Autoindustrie – als auch die Abkühlung der Weltkonjunktur unterschätzt zu haben. Gleichwohl sei die Gefahr einer ausgeprägten Rezession gering. Bei einem weichen Brexit könne sich die Konjunktur auch wieder stabilisieren, meinte Holtemüller. Nachfolgend die wichtigsten Kennziffern des aktuellen Gutachtens im Überblick:

Ausgangslage: Nach Einschätzung der Ökonomen ist die Konjunktur in Deutschland derzeit dreigeteilt: Die Bauwirtschaft boomt weiter, und auch im Dienstleistungsbereich geht es voran. Im verarbeitenden Gewerbe, zu dem in erster Linie der Maschinen- und Fahrzeugbau zählt, werden dagegen die Sorgen immer größer. Dazu passt eine Zahl, die das Bundeswirtschaftsministerium am gestrigen Donnerstag veröffentlichte. Demnach gingen die Auftragseingänge der stark exportabhängigen Branche im Februar um 4,2 Prozent gegenüber dem Vormonat zurück. Das war der stärkste Einbruch seit mehr als zwei Jahren.

Wachstum: Die Experten rechnen für das laufende Jahr mit einem Wachstum von nur noch 0,8 Prozent. Damit haben die Forscher ihre Vorhersage mehr als halbiert. Im letzten Herbst waren sie noch von einem Plus von 1,9 Prozent Wachstum für die deutsche Wirtschaft ausgegangen. Für 2020 wird aber unverändert mit einem Zuwachs um 1,8 Prozent gerechnet. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) warnte denn auch vor Panikmache: „Die deutsche Wirtschaft hat sich abgekühlt, aber sie friert noch nicht“.

Arbeitsmarkt: Auch wenn die Hochkonjunktur vorbei ist, viele Firmen in Deutschland suchen wegen ihrer (noch) gut gefüllten Auftragsbücher weiter händeringend nach Personal. Die Zahl der offenen Stellen sei aber kaum noch gestiegen, heißt es in dem Gutachten. Dennoch, so die Erwartung der Forscher, werden in diesem Jahr erstmals in Deutschland mehr als 45 Millionen Personen erwerbstätig sein. Gleichzeitig soll die Arbeitslosenquote von 5,2 auf 4,8 sinken. Das wären nur noch knapp 2,2 Millionen Betroffene.

Löhne und Gehälter: Die Institute erwarten, dass die Bruttolöhne je Mitarbeiter nach dem kräftigen Zuwachs im vergangenen Jahr (plus 3,2 Prozent) auch weiter steigen werden. Für die Jahre 2019 und 2020 rechnen sie mit einem Plus von 3,0 beziehungsweise 2,8 Prozent. Der private Konsum in Deutschland dürfte also weiter florieren. „Die Binnenwirtschaft stemmt sich gegen den Abschwung“, hieß es bei den Gutachtern. Freilich liegt auch die prognostizierte Inflation in diesem und im kommenden Jahr bei 1,5 beziehungsweise 1,8 Prozent. Ein Teil der Gehaltssprünge der Beschäftigten wird also von der Teuerung „aufgefressen“.

Empfehlungen: Nach Überzeugung der Ökonomen muss sich die Bundesregierung stärker für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland konzentrieren. Dem pflichtete gestern ausdrücklich auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bei und regte dazu die zügige Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung sowie weitere bürokratische Entlastungen für die Firmen an. Die Konjunkturforscher sprachen sich allerdings für grundlegende steuerliche Entlastungen im Interesse der deutschen Wirtschaft aus. Und sie warnten ausdrücklich die Bundesregierung davor, um der „schwarzen Null“ willen, also eines Staatshaushalts völlig ohne neue Schulden, der Konjunktur hinterherzusparen.