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"Wir werden ganz sicher an Grenzen stoßen"

"Wir werden ganz sicher an Grenzen stoßen"

Herr Büttner, Sie sagen drastisch steigende Weltbevölkerungszahlen vorher. Wie sicher ist diese Prognose denn?Büttner: Die ist sicher - es sei denn, es gibt eine nicht beherrschbare Epidemie, wovon aber nicht auszugehen ist

Herr Büttner, Sie sagen drastisch steigende Weltbevölkerungszahlen vorher. Wie sicher ist diese Prognose denn?Büttner: Die ist sicher - es sei denn, es gibt eine nicht beherrschbare Epidemie, wovon aber nicht auszugehen ist. Irgendwann könnte es mal einen Rückgang geben, aber in den nächsten 20 bis 40 Jahren wird die Weltbevölkerung weiter wachsen, auch wenn die Geburtenzahlen zurückgehen. Das ist wie ein Supertanker: Wenn der die Maschinen abstellt, fährt er immer noch kilometerweit.

Nach Ihren aktuellen Berechnungen werden im Jahr 2100 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben - aber nur, wenn die Geburtenzahlen weltweit zurückgehen. Falls sie konstant bleiben, soll die Weltbevölkerung von heute sieben auf 27 Milliarden steigen. Ist auf der Erde überhaupt Platz für so viele Menschen?

Büttner: Darauf gib es nur eine Antwort: Es hängt davon ab - und zwar davon, welche Kapazitäten und Technologien die Menschen entwickeln, um Ernährung und andere Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Es ist allerdings anzunehmen, dass es Grenzen gibt, beispielsweise bei erneuerbaren Energien oder Rohstoffen. Wir werden ganz sicher in einen Bereich kommen, wo wir an absolute und relative Grenzen stoßen, zum Beispiel bei der Versorgung mit Trinkwasser oder Wasser für Bewässerungsanlagen und der Verfügbarkeit von fruchtbarem Land. Die Spielräume werden kleiner.

Das heißt, auf der Erde werden Verteilungskämpfe ausbrechen?

Büttner: Die gibt es jetzt schon, beispielsweise um Wasser oder um Land: China und andere Staaten sind dabei, große Teile Afrikas für die eigene Nahrungsmittelproduktion aufzukaufen. Es gibt auch große Unternehmen, die Land in dünn besiedelten Gegenden aufkaufen, um Lebensmittel für den Export zu produzieren, aber nicht für das Land, in dem diese Flächen sind. Dieses Phänomen wird bei steigenden Bevölkerungszahlen noch deutlicher sichtbar werden.

Was bedeutet die von Ihnen prognostizierte Verdreifachung der Bevölkerung in Afrika für Migrationsbewegungen nach Europa?

Büttner: Die Bevölkerung wächst in Ländern, in denen die Industrialisierung noch sehr am Anfang steht und in denen deshalb zu wenige Arbeitsplätze vorhanden sind. Die Menschen im arbeitsfähigen Alter suchen daher auch in den entwickelten Ländern nach Arbeitsplätzen. Der Migrationsdruck wird mit wachsender Bevölkerung in den Entwicklungsländern steigen. Wir sehen in den entwickelten Ländern wegen der niedrigen Geburtenrate durchaus einen Bedarf an Arbeitskräften. Allerdings stimmen die Qualifikationen häufig nicht mit den Anforderungen überein.

Zuwanderung ist nicht sehr populär.

Büttner: Man muss in der Tat unterscheiden zwischen dem Migrationsdruck, der sehr hoch ist, und der politisch gewollten Aufnahme. Zwischen diesen Kategorien gibt es große Unterschiede. Der politische Wille, Migranten aufzunehmen, ist geringer als das Migrationspotenzial. Das hat viele Ursachen; eine davon ist die Integration, die andere ist die Lücke zwischen erwünschter und vorhandener Qualifikation.

Wäre eine wirtschaftliche Entwicklung nach westlichem Vorbild in den armen, bevölkerungsmäßig aber besonders stark wachsenden Regionen nicht eine Katastrophe für die Umwelt?

Büttner: Das ist die Quadratur des Kreises. Es gibt es nur einen Ausweg: Erneuerbare Energien müssen gefördert und der Energieverbrauch durch effizienteren Konsum gesenkt werden. Es ist durchaus möglich, dass es technologische Durchbrüche geben wird, die das noch befördern: Länder wie Indien oder China etwa sind von einer kaum vorhandenen Telefonversorgung gleich zu Mobiltelefonen übergegangen. Die brauchen deshalb keine Kupferleitungen und wesentlich weniger Energie. Solche qualitativen Sprünge sind nötig, um die Quadratur des Kreises zu schaffen. Die größte Herausforderung ist, dass politische Entscheidungsprozesse meist kurzfristige Ziele haben und wir hier von langfristigen Prozessen sprechen. Da gibt es erhebliche Widerstände und Eigeninteresse. Da muss man auch ein bisschen Geduld haben.