1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

"Wir haben keinen Zentimeter Platz mehr"

"Wir haben keinen Zentimeter Platz mehr"

Neu-Delhi. Schon in den frühen Morgenstunden bahnen sich Fußgänger, Radfahrer und Straßenhändler einen Weg durch das Meer von Autos, Taxis und Bussen. An den Straßenrändern liegen Menschen schlafend in eine Decke oder in Planen eingehüllt. Platz ist knapp in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Fast jeder Quadratzentimeter ist besetzt

Neu-Delhi. Schon in den frühen Morgenstunden bahnen sich Fußgänger, Radfahrer und Straßenhändler einen Weg durch das Meer von Autos, Taxis und Bussen. An den Straßenrändern liegen Menschen schlafend in eine Decke oder in Planen eingehüllt. Platz ist knapp in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Fast jeder Quadratzentimeter ist besetzt. Delhis Satellitenstädte wie Noida oder Gurgaon haben sich so weit ausgedehnt, dass sie spurlos in die Hauptstadt übergehen und eine chaotische Mega-Metropole mit etwa 22 Millionen Menschen bilden. Während das weltweite Bevölkerungswachstum um 2050 abflachen soll, wird Indiens Einwohnerzahl weiter ansteigen. Derzeit leben in Indien 1,24 Milliarden Menschen, 17,6 Prozent mehr als vor zehn Jahren.Den Rang als bevölkerungsreichstes Land wird Indien dem nördlichen Nachbarn China etwa im Jahr 2025 ablaufen, wie das US-Büro für Bevölkerungsstatistik errechnet hat. Das südasiatische Land hofft dadurch auf eine "demografische Dividende": eine Heerschar junger Leute, die das Wachstum ankurbeln. Doch das setzt voraus, dass die jungen Inder gut ausgebildet werden und dass es Jobs für sie gibt. "Es wird ein Gewinn für uns sein, wenn wir die jungen Menschen ausbilden können", sagt Indiens Bildungsminister Kapil Sibal. Wenn dies aber nicht gelinge, bedeute das niedrige Durchschnittsalter eine Katastrophe.

Nach Sibals Schätzung muss das Land in den kommenden zehn Jahren 500 Millionen Jungen und Mädchen auf einen qualifizierten Beruf vorbereiten. Doch Indiens Bildungssystem krankt an allen Ecken und Enden: Nur einer von acht Schulanfängern wird alle zwölf Jahre absolvieren. Und nur 13 Prozent aller Jungen und Mädchen in Indien studieren an einer Universität - in China sind es 23 Prozent. Während die Ausbildung im Reich der Mitte immer besser wird, hinkt der südliche Nachbar hinterher. Besonders auf dem Land ist die Situation dramatisch: Millionen Inder können nicht mehr von der Landwirtschaft leben. Armut und Perspektivlosigkeit treiben immer mehr Menschen in die Städte. Allein Neu-Delhi wächst jährlich um 200 000 Menschen. Der tägliche Kampf um Platz und Ressourcen prägt das Stadtbild und führt auch zu anderen Entwicklungen: Delhi hat die höchste Kriminalitätsrate aller indischer Städte. "Delhi wird als eine reiche Stadt gesehen", bedauerte kürzlich die Ministerpräsidentin des Bundesstaates Delhi, Sheila Dixit. Das ziehe immer mehr Menschen an. Doch die Fläche der Stadt sei stark begrenzt. "Wir haben keinen Zentimeter Platz mehr." epd