Winnetous Blutsbrüder von der Saar

Die Macht der Fantasie wirkt schnell und überall. Auch an einem Donnerstag in Sulzbach-Neuweiler. Eine Passage genügt

 Die Karl-May-Liebhaber und -Experten an ihrem Stammtisch im Sulzbacher IPA-Heim: (von links) Günter Fell, Hans-Albert Eiswirth, Frank Rainer Huck und Peter Nest. Foto: Oliver Dietze

Die Karl-May-Liebhaber und -Experten an ihrem Stammtisch im Sulzbacher IPA-Heim: (von links) Günter Fell, Hans-Albert Eiswirth, Frank Rainer Huck und Peter Nest. Foto: Oliver Dietze

Die Macht der Fantasie wirkt schnell und überall. Auch an einem Donnerstag in Sulzbach-Neuweiler. Eine Passage genügt. Frank Rainer Huck hält das grüne Buch sanft in seinen Händen und liest: "Das leichte Gewand war durchnäßt und legte sich eng an die wunderbar schöne Gestalt; auf dem bewegungslosen Angesichte spielten die düstern Reflexe der über den Rand der Ebene emporsprühenden Feuerstrahlen (. . .) doch nein und abermals nein, sie konnte, sie durfte nicht gestorben sein." Die Sätze scheinen bei den Mitgliedern des Karl-May-Stammtisches Saar sofort ins Blut zu gehen. Die Gruppe hat sich im Heim der International Police Association (Ipa) versammelt. Die meisten tragen grüne Pullover mit dem Karl-May-Logo des Stammtisches. Es gibt Pellkartoffeln, Heringe, Bier. Über der Sitzecke ein Karl-May-Bild, auf dem Tisch historische Ausgaben.Doch die Realität interessiert die Frau und die neun Männer jetzt nicht, sie hören dem Vorleser zu, mit entrücktem Kinderblick. Obwohl einige schon längst Rentner sind und die Passage aus "Old Firehand" schon zigfach gelesen haben, in der Old Shatterhand Ellen, Old Firehands Tochter, vor den Flammen rettet. 20 Mitglieder aus dem gesamten Saarland hat der 1999 gegründete Stammtisch. Gemeinsam organisieren sie Ausstellungen und Lesungen. Veranstalten auf einer Ranch Feste, bei denen sie in Westernkluft über offenem Feuer Bohneneintopf kochen. Suchen Schauplätze auf: "Die Liebe des Ulanen" spielt in unserer Region, im französischen Thionville; Weiskirchen und Mettlach werden mehrfach erwähnt. Einige Stammtischler treten als "Scharlih-Singers" auf, zum Repertoire gehört das "Ave Maria" von May.

Ein Förster kommt zum Stammtisch, ein Bergmann, eine Sekretärin, ein Psychologe und Polizisten - unter anderem. Was sie eint, ist die Begeisterung für Karl May. Diese geht so weit, dass ein Mitglied mehr als die Hälfte seiner Hochzeitsreise nach Wien in Antiquariaten verbracht hat, auf der Suche nach wertvollen Karl-May-Ausgaben. Die Ehe hält übrigens seit Jahrzehnten. Doch was macht die Faszination aus?

"Das Anschleichen. Die Gefahr. Die Rettungstaten. Die Handlungsstränge wiederholen sich zwar ständig, aber das schafft einen hohen Wiedererkennungswert und Vertrautheit. Kaum ein anderer konnte Spannung so gut aufbauen", sagt der 75-jährige Huck. Auch die Landschaftsbeschreibungen seien sehr gut, "obwohl May bekanntlich über ferne Länder geschrieben hat, ohne dort gewesen zu sein". Huck ist ein Fachmann mit theoretischem Rüstzeug, er hat Literaturwissenschaft studiert. "Außerdem fasziniert mich, dass er sowohl Trivial- als auch Hochliteratur verfassen konnte. Sein Spätwerk war philosophisch und bestand zum Teil aus Blankversen."

Wie der Großteil des Stammtisches ärgert sich Huck darüber, wie der Karl-May-Verlag nach dem Tod des Autors mit dessen Werk umgegangen ist: "Die Texte wurden verstümmelt. Die für May typischen Rückblenden zum Beispiel verschwanden." Ein anderer Stammtischler wird deutlicher: "Einer der größten Skandale der Literaturgeschichte!"

Der Stammtisch ist mitunter ein literarischer Zirkel, der die unzähligen Geschichten seziert: Huck hält einen Vortrag. Es geht unter anderem darum, wo Motive wie "Der Brand des Öltals" auftauchen und wie Old Shatterhand in "Old Firehand" Ellen rettet und in "Im fernen Westen" in der gleichen Situation einen Jungen namens Harry: "Es sieht so aus, als habe May den erotischen Inhalt entfernen wollen. Dabei war er aber nicht konsequent. Auch in der Szene mit Harry gibt es erotische Anspielungen - was zeitweise die Vermutung genährt hat, May sei homosexuell."

Die Stammtischler sind in der Lage, Mays Werk kenntnisreich zu analysieren, vor allem aber sind sie Liebhaber. "Auch wenn vieles, was er über Indianer schrieb, einschließlich Mays Indianersprache, Unsinn war - er hat unser Interesse für andere Kulturen geweckt. Er hat uns gelehrt, was gut und was böse ist. Zum Stammtisch kommen nur gute Menschen", sagt ein Stammtischler und lächelt.

Auch Willi Hoffmann-Güth, 75, hat eine emotionale Beziehung zu May. Sein Lieblingssatz ist der erste aus "Der Schatz im Silbersee": "Es war um die Mittagszeit eines sehr heißen Junitages, als der 'Dogfish', einer der größten Personen- und Güterdampfer des Arkansas, mit seinen mächtigen Schaufelrädern die Fluten des Stromes peitschte." "Als ich ein achtjähriger Bub war", erzählt Hoffmann-Güth, "öffnete sich für mich mit diesem Satz eine wunderbare Welt von Abenteuer, Fantasie, Ferne und Freiheit."

Die Erinnerung an den ersten Kontakt mit Karl May hat sich in Hoffmann-Güths Gedächtnis eingebrannt: "Unser Lehrer war ein Sadist. Trotzdem konnte ein Mitschüler nicht aufhören, unter der Bank Karl May zu lesen - und kassierte Prügel." Hoffmann-Güth wollte unbedingt wissen, weshalb den Klassenkameraden dieses Buch derart fesselte. Bald konnte er May selbst lesen - und wurde nicht enttäuscht: "Wenn ich fortan eine Ausgabe in die Hände bekam, war das wie Weihnachten für mich." Lange konnte er die Bücher nie behalten, denn schon bald bedrängte ihn der Mitschüler, der als Nächster an der Reihe war.

Die Geschichten hinterließen ihre Wirkung: "Sie haben mir Mut und Selbstvertrauen gegeben." Und das konnte Hoffmann-Güth wie viele andere Kriegskinder gebrauchen. Mit seiner Familie war er aus der russischen Besatzungszone geflohen. Im Westen angekommen musste er sich durchkämpfen. Was ihm sehr gut gelang. Hoffmann-Güth machte eine kaufmännische Ausbildung, studierte und wurde schließlich Manager bei Karlsberg. Und wenn er heikle Aufgaben bewältigen musste, las er Karl May. Das sei wie Autogenes Training: "Ich weiß, es klingt lächerlich. Aber ich frage mich dann: Wie würde Old Shatterhand handeln? Dieser Gedanke lässt mich schmunzeln, Abstand gewinnen zu meiner Situation - und gibt mir Auftrieb." Das Entscheidende: Bei Karl May sei der Ich-Erzähler ein Held, "der meistens gewinnt und mit dem man sich daher identifizieren will. Und May beschreibt so intensiv, dass man tatsächlich eins wird mit dem Helden". Dass May ein Kleinkrimineller war und seine Schauplätze nie vorher aufgesucht hat, sieht Hoffmann-Güth gelassen. Er hält es da mit dem Philosophen Giordano Bruno: "Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden." Die Brüche im Leben Mays machten ihn interessanter: "Weil er immer wieder Rückschläge erlitt, musste er sich ein besseres Leben erschreiben. Und rang so besessen um Anerkennung, dass er zum Hochstapler wurde." Trotz allen Verfehlungen: Hoffmann-Güth bewundert May - vor allem für die Macht seiner Fantasie: "Er hat sich auf sein Fantasiepferd gesetzt und ist losgeritten. Seine Vorstellungskraft war so stark, dass er erlebte, was er schrieb. Und so stark, dass wir erleben, was wir lesen." > Seite B 4

"Die Klugheit ist stärker als die Gewalt und die Milde mächtiger als der Mord."

Karl May

Auf einen Blick

Karl May in Zahlen:

1 Eine Folge der ARD-Krimireihe "Tatort" spielt im Karl-May-Milieu. Es handelt sich um den Film "Auf dem Kriegspfad" mit den Kommissaren Ehrlicher und Kain, der am 1. August 1999 erstmals ausgestrahlt wurde.

2 Reisen, die Karl May ins außereuropäische Ausland führten.

3 Anzahl der Strophen des von Karl May komponierten "Ave-Maria"-Liedes. Dieses Lied singt Old Shatterhand auch Winnetou im dritten Band bei dessen Tod vor.

6 Der Diebstahl von sechs Kerzen ist das erste aktenkundige Vergehen von Karl May. Er fliegt daraufhin 1859 aus dem Lehrerseminar Waldenburg.

11 Karl-May-Filme, in denen Pierre Brice Winnetou verkörperte.

12 Anzahl der Bestandteile des Namens von Hadschi Halef Omar, dem Begleiter von Kara Ben Nemsi in Karl Mays Orientromanen. Der vollständige Name lautet: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.

40 Zahl von Sprachen, in denen die Werke Mays übersetzt wurden. Dazu zählen auch Latein und die Kunstsprache Esperanto.

50 000 Geschätzte Zahl von Manuskriptseiten, die Karl May hinterließ.

200 000 000 Ungefähre Gesamtauflage von Mays Werken weltweit. kna