Wie Obama das Feuer wieder entfachen will

Eine Zahl bereitet dem Wahlkampfteam von Barack Obama schlaflose Nächte: 74 000. Genauso viele Sitze müssen die Demokraten am Donnerstagabend im neuen "Bank-of-America"-Stadion füllen, damit der Präsident nicht vor halb leeren Rängen spricht

Eine Zahl bereitet dem Wahlkampfteam von Barack Obama schlaflose Nächte: 74 000. Genauso viele Sitze müssen die Demokraten am Donnerstagabend im neuen "Bank-of-America"-Stadion füllen, damit der Präsident nicht vor halb leeren Rängen spricht. Vor vier Jahren hätte sich niemand solche Sorgen gemacht, als der Parteitag in Denver zum großen Finale in das "Invesco"-Stadion umzog, um all den Neugierigen Platz zu schaffen, die den Kandidaten Obama über "Hoffnung" und "Wandel" sprechen hören wollten. In Charlotte im Südstaat North Carolina tritt ein an den Realitäten in Washington gereifter Präsident auf die Bühne. Seit er vor vier Jahren antrat, die Supermacht zu verändern, hat er vieles erreicht. Aber nicht genug - etwa die Arbeitslosigkeit unter die Acht-Prozent-Marke zu drücken, die ausufernden Staatsschulden in den Griff zu bekommen und den zusammengebrochenen Immobilienmarkt, von dem die Krise ausging, nachhaltig wiederzubeleben.Vor allem schaffte Obama es nicht, die bittere Spaltung zu überwinden, die Amerika immer mehr in eine "rote" republikanische und eine "blaue" demokratische Welt teilt. "Verglichen mit vor vier Jahren ist das Feuer erloschen", diagnostiziert der renommierte Meinungsforscher Andrew Kohut vom PEW-Center die Stimmung unter den Anhängern des Präsidenten. "Er sollte die Leute anfeuern, indem er nach vorne schaut statt zurück", rät der demokratische Stratege Drew Lieberman mit Blick auf den dreitägigen Parteitag, der heute mit einer Rede von First Lady Michelle Obama beginnt.

Die Republikaner und ihr Kandidat Mitt Romney lieferten Obama mit ihrem Parteitag in Tampa für eine solche Strategie eine Steilvorlage. "Sie hätten das auch gut in einem Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgen können", scherzte der Präsident. Romney habe nicht viel mehr als "eine Rückkehr zu derselben gestrigen Politik versprochen, bei der die Mittelklasse den Kürzeren gezogen hat". Obama macht damit eine Anleihe bei Bill Clinton, der seinen Wahlkampf gegen Bob Dole 1996 zu einer Entscheidung über die Zukunft machte und haushoch gewann. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, dass der beliebte Ex-Präsident morgen Abend der Hauptredner sein wird. Er soll die Wähler daran erinnern, dass die Politik der Demokraten den Amerikanern ein goldenes Jahrzehnt beschert hatte. Und Obama nur vier weitere Jahre braucht, dasselbe Ziel zu erreichen.

Die Grundsatzrede des Parteitags hält in der Eröffnungsnacht Julian Castro, ein aufsteigender Stern am Himmel der Demokratischen Partei mit Latino-Hintergrund. Team Obama hofft, mit dem charismatischen Bürgermeister aus dem texanischen San Antonio seinen Vorteil bei den hispanischen Wählern ausbauen zu können.

Eine andere wichtige Wählergruppe für Obama nehmen Caroline Kennedy, Eva Longoria und eine Reihe weiterer prominenter Rednerinnen ins Visier. Sie wollen die Amerikanerinnen vor den Konsequenzen einer Wahl Romneys für die Selbstbestimmung der Frauen warnen.

Ein Störfaktor in Charlotte könnte der Protest der wiedererwachten "Occupy Wall Street"-Bewegung werden, die am Sonntag am Sitz der Zentrale der "Bank of Amerika" demonstrieren wollte. Als problematisch könnte sich auch die Verkehrssituation erweisen, da Delegierte, Medien-Vertreter und Gäste mangels ausreichender Hotelbetten von weither anreisen müssen. Während Hurrikan "Isaac" die Republikaner zwang, ihren Parteitag umzuplanen, könnten Gewitterstürme die Rede Obamas in Frage stellen. Ein Szenario, auf das die Planer vorbereitet sind, vom dem sie aber nicht ausgehen. "Die Leute werden am Ende des Parteitags genau wissen, was Obama für seine zweite Amtszeit vorhat", verspricht Wahlkampfmanagerin Stephanie Cutter. "Er sollte die Leute anfeuern, indem er nach vorne schaut

statt zurück."

Politik-Stratege Drew Lieberman