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Wie Merkel das Weltbild zurechtrückt

Wie Merkel das Weltbild zurechtrückt

Madame No hat man sie schon genannt, weil sie es angesichts der Finanzkrise angeblich mit dem Klimaschutz nicht mehr so ernst nahm. Darüber würde Angela Merkel wohl nur verständnislos den Kopf schütteln. "Vor eineinhalb Jahren haben wir uns Ziele gesetzt. Diese haben wir nun erreicht, in konkrete Maßnahmen umgesetzt

Madame No hat man sie schon genannt, weil sie es angesichts der Finanzkrise angeblich mit dem Klimaschutz nicht mehr so ernst nahm. Darüber würde Angela Merkel wohl nur verständnislos den Kopf schütteln. "Vor eineinhalb Jahren haben wir uns Ziele gesetzt. Diese haben wir nun erreicht, in konkrete Maßnahmen umgesetzt." Für einen kurzen Moment wird sie sogar richtig laut: "Jetzt beschließen wir, wie wir diese Ziele erreichen. Ich habe damals nicht geglaubt, dass wir das schaffen."

Es ist weit nach Mitternacht, EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy sitzt noch mit dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi zusammen, um dessen Veto-Drohung vom Tisch zu bekommen, während die Kanzlerin das Weltbild wieder zurechtrückt. Sie verstehe nicht, warum alle wie gebannt auf den kommenden US-Präsidenten Obama starren. Der wolle 2020 das CO2-Niveau von 1990 erreichen, "wir werden 20 Prozent weniger haben", sagt sie. "Wer ist hier also der Weltführer?"

Angela Merkel verteidigt sich, obwohl sie das gar nicht nötig hätte. Der Dreier-Gipfel des britischen Premier Gordon Brown mit Kommissionschef José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy, zu dem sie nicht eingeladen worden war, prägt dieses Brüsseler Treffen weitaus weniger als ihre Begegnung mit dem polnischen Regierungschef Donald Tusk. Der gilt nämlich als Fürsprecher der neuen Ost-Mitglieder, ihn hat Merkel überzeugt. Der erwartete Widerstand der Polen, Tschechen und Balten, die allesamt ihre Energie aus CO2-reicher Kohle beziehen und deshalb Angst vor Preiserhöhungen hatten, spielt kaum eine Rolle. Merkel hatte vorgearbeitet, zehn Prozent der Emissions-Zertifikate plus einen Zuschlag von zwei Prozent gratis zugesagt - in Abstimmung mit Sarkozy. "Hallo Angela", begrüßt der Franzose sie fast schon innig, als sie ankommt. "Wie ein altes Ehepaar", unkt ein Mitglied der französischen Delegation. "Man streitet sich, man mag sich." Vor allem aber: Man arbeitet zusammen. Das böse Wort "Deutschland denkt nach, Frankreich handelt", das Sarkozy zugeschrieben wird, habe der nie so gesagt, heißt es am Rande des Gipfels - aus Kreisen französischer Diplomaten. Am Ende lässt sich nicht einmal aus der deutschen Ablehnung des Sarkozy-Vorschlages, die Mehrwertsteuer für personalintensive Dienstleistungen abzusenken, ein Streit konstruieren. Der Vorstoß ist mehr als ein Jahrzehnt alt, die deutsche Zurückweisung aus Angst vor Steuermindereinnahmen auch. Merkel ist zufrieden: "Wir haben es geschafft, in dieser ungewöhnlichen Lage vereint, rasch und entschieden zu handeln." Und fügt dann ausgerechnet an dem Tag, an dem die USA das Hilfspaket für ihre großen Autobauer in den Sand gesetzt haben, hinzu: "Und das schafft wirklich nicht jeder." "Ich habe nicht geglaubt,

dass wir das schaffen."

Angela Merkel