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"Wie lange ist das Haltbarkeitsdatum unserer Entscheidungen?"

"Wie lange ist das Haltbarkeitsdatum unserer Entscheidungen?"

Berlin. Manchmal prallen große Weltpolitik und Arbeit an der Parteibasis auf ganz besondere Weise aufeinander

Berlin. Manchmal prallen große Weltpolitik und Arbeit an der Parteibasis auf ganz besondere Weise aufeinander. Angela Merkel erklärt gerade Kreisvorsitzenden ihrer Partei die Griechenland-Krise und die Gefahren von Staatspleiten, da klingelt ihr Telefon: "Mein Finanzminister, wie aufs Stichwort", sagt die Kanzlerin, reicht das Handy an ihren Generalsekretär Hermann Gröhe weiter und erntet einige Lacher im Konrad-Adenauer-Haus.Ansonsten hagelt es an diesem Samstag in den gut zwei Stunden reichlich Fragen aus Kreisverbänden an die CDU-Chefin. Es war eine Begegnung der anderen Art: Oben auf dem Podium die Kanzlerin, die gestenreich und engagiert für ihren Kurs wirbt - auch dafür, dass in den vergangenen Wochen und Monaten gleich reihenweise im Eiltempo Grundüberzeugungen der CDU auf den Prüfstand gestellt oder ganz über den Haufen geworfen wurden: Ob Wehrpflicht, Atomkraft, Euro, Bildung, Familie. Und unten im Podium rund 140, teils ratlose Kreisvorsitzende, die Erklärungsnotstand beklagen. Die bei dieser Politik-Geschwindigkeit in Berlin kaum noch nachkommen und vor Ort die immer neuen Positionswechsel ans Wahlvolk bringen müssen.

Die ganz große Rebellion und Abrechnung der Basis mit der Führung im fernen Berlin bleibt dann zwar aus. Merkel bekommt Beifall und Rückendeckung für ihren Atomkurs. Doch nicht alle sind überzeugt und gehen die Kanzlerin teils frontal an. Ihre Vorwürfe: Die CDU dürfe nicht wieder zum Kanzlerwahlverein verkommen, vor Ort könnten die ständigen neuen Richtungswechsel nicht mehr erklärt werden.

Ein Kreisvorsitzender greift die Aufforderung Merkels zur offenen Diskussion denn auch gerne auf und kritisiert prompt: "Das ist ja genau das Problem unserer Partei. Wir diskutieren eben nicht." Die vielen Veränderungen seien ja durchaus richtig. Es sei aber fast "lebensgefährlich" für die CDU, dass Regierungspolitik gemacht werde, ohne die Partei mitzunehmen. Alles werde ohne Debatte durchgeboxt.

Ein Delegierter aus Nordrhein-Westfalen legt nach: "Unsere Mitglieder haben bis vor einem halben Jahr wie die Löwen dafür gekämpft, die Verlängerung (der Atomlaufzeiten) zu erklären." Dann kam Fukushima, und jetzt müssten sie die Basis für diese Kehrtwende gewinnen. "Die können das nicht alle so brillant wie Sie", ruft er Merkel zu. "Wenn wir nicht zu einem Kanzlerwahlverein verkommen wollen, müssen wir gerade in diesen bewegten Zeiten unseren Mitgliedern die Chance geben, die Prozesse zu diskutieren". Beifall auch für den nächsten Redner, der fragt: "Wie lange ist das Haltbarkeitsdatum unserer Entscheidungen?"

Wie unterschiedlich die Stimmung an der Basis offenbar ist, zeigen ein Berliner und ein Bonner Funktionär, die Merkel ausdrücklich loben für ihren Mut zur plötzlichen Atomausstiegs-Politik: "Damit werden Sie in die Geschichte eingehen", sagt der Berliner. Sein Bonner Kollege ist dankbar, dass die Union in der Atompolitik "aufgeräumt" habe und näher an den Menschen sei.

 Angela Merkel verteidigte an der CDU-Basis ihren Kurs. Foto: dpa
Angela Merkel verteidigte an der CDU-Basis ihren Kurs. Foto: dpa

Merkel nimmt sich Zeit, verteidigt ihre Position und hofft am Ende, "dass der Erklärungsnotstand ein bisschen eingedämmt ist". Sie spricht vom Markenkern der CDU, der in der persönlichen Freiheit des Menschen liege, aber nicht in der Kernenergie und nicht in der Wehrpflicht. Grundsätzlich wird sie, als eine Delegierte aus Aachen für Schwarz-Grün wirbt. Mit der FDP gebe es weit mehr Übereinstimmung als mit den Grünen, sagt Merkel unter Beifall. Rückendeckung braucht sie bald auch im Bundestag, wenn es um schwarz-gelbe Mehrheiten für den Atomausstieg und neue Griechenland-Hilfen geht. > Seite A 4: Analyse