Wie im Kreuzverhör

Washington · Helfer, die Ebolakranke in Westafrika gepflegt haben, müssen sich bei ihrer Rückkehr in den Raum New York einer dreiwöchigen Quarantäne unterziehen. Krankenpflegerin Kaci Hickox fühlte sich in ihren Grundrechten verletzt. Sie klagte gegen den Gouverneur von New Jersey. Gestern wurde sie aus der Isolation entlassen.

Kaci Hickox fühlte sich, als hätte sie etwas verbrochen. Nach der Landung auf dem Flughafen Newark - nach zwei Tagen beschwerlicher Reise aus Sierra Leone, wo sie Ebola-Kranke versorgt hatte - saß sie stundenlang in einem Zimmer. Dort nahm sie ein Beamter nach dem anderen ins Kreuzverhör. Einige stellten sich vor, andere nicht. Alle trugen Schutzanzüge, Gummihandschuhe und Atemschutzmasken. "Einer, wahrscheinlich ein Grenzkontrolleur, unter seinem Overall konnte man eine Waffe am Gürtel erkennen, brüllte mir Fragen zu, als sei ich eine Kriminelle", schrieb die texanische Krankenschwester in den "Dallas Morning News", ihrer Heimatzeitung. "Ich war müde, hungrig und verwirrt." Dann beschloss sie zu klagen, womit ihr Fall zum Politikum wurde. Es ging gegen Chris Christie, den Gouverneur von New Jersey , der sich Chancen ausrechnet, 2016 das Rennen ums Weiße Haus zu gewinnen. Hickox sehe ihre Grundrechte verletzt, ohne dass es medizinische Gründe dafür gäbe, sagte ihr Anwalt und sprach von einer bizarren Überreaktion der Behörden.

Gemeinsam mit Andrew Cuomo, seinem Amtskollegen im Bundesstaat New York , hatte Christie am Freitag entschieden, jeden, der aus den Ebola-Gefahrenzonen Westafrikas einreist, unter Zwangsquarantäne zu stellen. Zuvor waren die 21 Tage Quarantäne eine freiwillige Angelegenheit gewesen. Wer aus dem Krisengebiet kam, dem wurde empfohlen, sie einzuhalten, wohl wissend, dass heimkehrende Mediziner Umsicht an den Tag legen würden. Dann aber reagierte das Gouverneurs-Duo auf die Causa Craig Spencer, den Fall eines jungen Arztes, der in Guinea geholfen hatte. Zurück in New York , führte er ein normales Leben, er joggte, ging einkaufen, besuchte eine Kneipe samt Bowlingbahn. Nun liegt er mit Ebola in einer Klinik, was Christie harte Töne anschlagen ließ. "Man sollte nicht auf Freiwilligkeit setzen, wenn es um etwas so Ernstes geht", rechtfertigte sich der Republikaner. Er könne kein Wagnis eingehen, und Kaci Hickox sei offensichtlich krank.

Soweit sie wisse, sei der Herr Gouverneur kein Doktor, spottet die unfreiwillige Patientin, zudem habe er sie kein einziges Mal aus der Nähe betrachtet. "Wir sollten uns hüten, Politiker medizinische Entscheidungen treffen zu lassen." Es ist nicht das erste Mal, dass die 33-Jährige in den Tropen Kranke versorgt, schon deshalb fühlt sie sich behandelt wie ein unmündiges Kind. In Uganda kümmerte sich Hickox um Gelbfieberpatienten, in Burma managte sie ländliche Kliniken, sie war in Nigeria und im Sudan - eine junge Idealistin, wie man sie so oft in Amerika findet. Seit Freitag war sie buchstäblich gefangen in einem Newarker Krankenhaus, in einem Zelt ohne Dusche, ohne Fernseher, mit ihrem iPhone als einziger Verbindung zur Außenwelt. Fieber hat sie keines, auch bei ihrer Einreise war sie fieberfrei. Nur einmal, als nach stundenlanger Befragung im Flughafen-Kabuff nachgemessen wurde mit einem Scanner, stellten die Beamten erhöhte Temperatur fest. Ihre Stirn sei vielleicht heiß, erklärte Hickox, aber nur, weil sie gerade sehr erregt sei. Der Einwand bewirkte - nichts.

Dass die Politik manchmal übers Ziel hinausschießt, die Panik eher schürt, statt sie zu dämpfen, ist ein Eindruck, den etliche Fachleute teilen. "Die Epidemie stoppt man am besten, indem man den Menschen in Westafrika hilft", betont Anthony Fauci, einer der führenden Ebola-Experten des Landes. Wer sich im Seuchengebiet aufopfere, den sollte man feiern wie einen Helden statt ihn mit einem Stigma zu versehen, mahnt Barack Obamas UN-Botschafterin Samantha Power, während sich einer der Ärzte in schonungsloser Offenheit aus Liberia zu Wort meldet. "Wenn ich an meine Rückkehr in die USA denke", sagt Steven Hatch, ein Doktor aus Massachusetts, "habe ich mehr Angst, als ich je hatte, seit ich in Afrika Patienten mit Ebola behandle".

Hickox hat inzwischen einen Sieg errungen. Gestern wurde sie aus der Isolation entlassen.

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