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Wie Europa jetzt den Griechen entgegenkommen will

Wie Europa jetzt den Griechen entgegenkommen will

Brüssel. Wochenlang hatte sich Europa auf diesen Montagmorgen vorbereitet. Die Notenbanken der Mitgliedstaaten standen bereit, um einem eventuellen Euro-Verfall mit Milliarden-Subventionen abzufangen. In den Regierungshauptstädten hatten sich die Chefs zu Telefonkonferenzen verabredet, um schnell reagieren zu können, falls Griechenland wählt, wie es gewählt hat

Brüssel. Wochenlang hatte sich Europa auf diesen Montagmorgen vorbereitet. Die Notenbanken der Mitgliedstaaten standen bereit, um einem eventuellen Euro-Verfall mit Milliarden-Subventionen abzufangen. In den Regierungshauptstädten hatten sich die Chefs zu Telefonkonferenzen verabredet, um schnell reagieren zu können, falls Griechenland wählt, wie es gewählt hat. Keine klare Mehrheit, ein Kopf-an-Kopf-Rennen, die Entscheidungsschlacht um den Euro endet mit einem Unentschieden? Was nun?Kaum waren die ersten Prognosen bekannt, knickte der Euro-Raum bereits ein. Bundesaußenminister Guido Westerwelle bot bereits eine Stunde nach dem Urnengang einen Aufschub beim Sparprogramm an. Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, berichtete aus seinen Gesprächen mit dem Chef der linken Syriza-Partei, Alexis Tsipras: "Er hat sich trotz seiner radikalen Ankündigung, alle Abmachungen mit dem Euro-Raum zu kündigen, immer ein Hintertürchen offengehalten." Es scheine, so Schulz weiter, nicht "undenkbar", ihm ein paar Zugeständnisse zu geben, damit Griechenland im Euro bleiben und die Hilfsgelder weiter fließen könnten.

Der oft geforderte Plan B lag da längst ausgearbeitet in der Schublade. Wer auch immer am Ende die neue griechische Regierung bilden kann, wird bald Besuch von der Troika, also den Vertretern von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, bekommen. "Dann wird man reden und sehen, was man gemeinsam tun kann", hieß es gestern Abend aus dem Umfeld von Währungskommissar Olli Rehn. "Es geht nicht darum, die klare Linie aufzugeben, sondern sie erträglich zu machen."

Was das heißt, hatten im Laufe des Wochenendes bereits verschiedene europäische Spitzen durchsickern lassen. Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker schließt eine Fristverlängerung nicht aus, innerhalb derer Athen das Reformprogramm umsetzen muss. Zugleich arbeitet der Luxemburger Premier mit EZB-Chef Mario Draghi, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und dem EU-Ratsvorsitzenden Herman Van Rompuy an einem Vorschlag für eine Light-Version der Euro-Bonds. Gedacht ist offenbar an gemeinsame Staatsanleihen, an denen sich jedes Mitgliedsland nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz seiner Wirtschaftsleistung beteiligt. Wer die Regeln nicht einhält, würde im folgenden Jahr vom Handel mit den neuen Papieren ausgeschlossen. "Das könnte ein interessantes Signal für die Märkte werden", hieß es am Abend in Brüssel. "Wir brauchen jetzt ein Zeichen, nicht nur ein Aufatmen und ,Weiter so'", sagte ein hoher französischer EU-Diplomat.

Tatsächlich lichtet sich der Nebel, den alle Seiten im Vorwahl-Getümmel verbreitet hatten. Erst jetzt wird vielen beispielsweise klar, dass nicht nur Tsipras, sondern auch Konservativen-Chef Antonis Samaras von neuen Verhandlungen gesprochen hatte. "Für uns ist entscheidend, dass Athen jetzt in wenigen Tagen eine neue Regierung bekommt", erklärten EU-Kreise gestern. "Nur dann haben wir die Chance, endlich reden und uns verständigen zu können." Mit anderen Worten: Nach den Wochen, in denen Brüssel ständig die harte Linie betonte, gibt man sich kompromissfähig. Aber nur unter einer Bedingung: Dass auch die neuen Machthaber in Athen ebenfalls gesprächsbereit sind - und ihre Reformversprechen halten.Foto: dpa

Foto: afp