Amberg: Wie eine Prügelattacke zur Staatsaffäre wurde

Amberg : Wie eine Prügelattacke zur Staatsaffäre wurde

Vier betrunkene junge Asylbewerber schlagen am Samstagabend in Amberg wahllos auf Passanten ein – und lösen eine Debatte über Gewalt von Flüchtlingen aus. Die Oberpfälzer gehen ganz unterschiedlich damit um.

Es ist Mittwochmorgen in Amberg. Am ersten Werktag im neuen Jahr kommt die Stadt in der bayerischen Oberpfalz wieder in Bewegung. Draußen ist es kalt und grau, die Sonne versucht sich durchzusetzen. Die Wartehalle des Kleinstadtbahnhofs ist gut besucht, Menschen gehen zur Arbeit, treffen sich in Cafés in der hübschen Altstadt. Ein paar Touristen machen Fotos am Marktplatz. Alles scheint wie immer – doch der Tag wird überschattet von Vorfällen vom Wochenende.

Vier betrunkene Jugendliche haben am Samstagabend am Amberger Bahnhof und in der Altstadt willkürlich Passanten attackiert. Neue Erkenntnisse dazu gibt es bislang nicht. Die Beschuldigten sind nach Angaben der Polizei Asylsuchende aus Afghanistan, Syrien und dem Iran. Zwölf Menschen im Alter von 16 bis 42 Jahren wurden verletzt, die meisten leicht. Ein 17-Jähriger musste wegen einer Kopfverletzung stationär ins Krankenhaus. Medien berichten, dass auch ein 13-Jähriger geschlagen worden sei. Der Sprecher der Stadt will die Berichte jedoch auch am Mittag nicht bestätigen.

Seine Einschätzung wäre aber wohl schon zu diesem Zeitpunkt untergegangen – im multimedialen Donnerhall, den die Vorfälle von Amberg ausgelöst haben. „Gewalt-Exzesse“ heißt es da schon in der „Bild“. Und der in der rechten Szene einflussreiche Blog „PI-News“ spricht gar von einem „marodierenden Asylanten-Mob“. Auch in den sozialen Medien wird der Ton zunehmend schärfer. In Postings werden die Vorfälle von Amberg dabei oft mit der Jagd eines Autofahrers in Nordrhein-Westfalen auf Migranten verbunden, teilweise sogar relativierend gleichgesetzt. Dabei weisen die Fälle keine wirklichen Parallelen auf. In NRW fuhr ein Deutscher aus Essen in der Silvester-Nacht in seiner Heimatstadt und in Bottrop in Menschenmengen mit der Absicht, Ausländer zu töten, wie die Polizei auch an diesem Mittwoch erneut bestätigt (siehe unten).

Am Abend bestimmen gefühlt aber nur noch die Jugendlichen von Amberg die politische Agenda – von Medien und Parteien. Als einer der ersten hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) das Schlaglicht der Debatte in diese Richtung gesetzt. Bereits einen Tag zuvor. Der „Bild“ erklärt der Noch-CSU-Chef dabei: „Die Ereignisse von Amberg haben mich sehr aufgewühlt. Das sind Gewaltexzesse, die wir nicht dulden können.“ Wenn Asylbewerber (wie die Teenager) Gewaltdelikte begehen würden, „müssen sie unser Land verlassen“, sagt er weiter. Erst später erklärt er, auch die „offensichtlich fremdenfeindlich motivierte Amokfahrt in Bottrop hat mich sehr betroffen gemacht“. Beide Fälle müssten mit Härte verfolgt werden.

Die AfD-Bayern greift auf ihrer Facebook-Seite am Mittwochmittag die versuchte Todesfahrt von Bottrop gar nicht auf. Sie treibt dort vielmehr die Debatte über die Abschiebung von kriminellen Migranten voran. Auch andere Parteien steigen voll in diese Asyl-Debatte ein.

Oder auch Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. In der „Bild“ sagt er über das vermeintliche Motiv der jugendlichen Schläger: „Es ist eine tiefe Verachtung für unseren Staat und für die Menschen, die bei uns leben. Die vier Täter dürfen erst wieder in Freiheit kommen, wenn sie den Boden ihres Heimatlandes betreten“. Ein offizielles Polizeistatement zu den Motiven gibt es jedoch auch am Mittwoch nicht. 

Am Mittag ist es unter anderem CDU-Vize Julia Klöckner, die versucht, die Diskussion zu entschärfen und besser einzuordnen. Es sei wichtig, die Taten zu verurteilen, aber „nicht sofort mit einer Keule“ zu kommen, sagt sie dem SWR. Man müsse achtgeben, „dass man selbst nicht in eine Pauschal-Verurteilung kommt, sondern immer wieder differenziert vorgeht“. Oberbürgermeister Michael Cerny (CSU) weiß da schon: „So was bleibt nicht ohne Wirkung“. Cerny bezieht sich hier zwar auf die Sorgen seiner Bürger. Genervt von der bundesweiten Debatte ist er in diesem Moment längst. „Da melden sich Menschen aus Hamburg und Berlin, die alle plötzlich meinen, sie könnten die Situation in Amberg einschätzen“, schreibt er auf Facebook.

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