Wie die "Schnauze" zur Kultfigur wurde

Hamburg. Schmidt-Schnauze. Klingt forsch und respektlos, genau nach seinem Geschmack. Ein Spitzname wie ein Adelsprädikat, aber ohne Schnörkel. Schnickschnack kann Helmut Schmidt nicht leiden, er bevorzugt die klare Kante, den direkten Weg, er wollte immer schnurstracks vorwärts - und dabei den Ton angeben

Hamburg. Schmidt-Schnauze. Klingt forsch und respektlos, genau nach seinem Geschmack. Ein Spitzname wie ein Adelsprädikat, aber ohne Schnörkel. Schnickschnack kann Helmut Schmidt nicht leiden, er bevorzugt die klare Kante, den direkten Weg, er wollte immer schnurstracks vorwärts - und dabei den Ton angeben. Das konnte der autoritäre Hanseat mit der natürlichen Autorität und der s-pitzen Zunge nämlich am besten: Chef sein.

Spartanische Erziehung

Dabei hat er auch dienen gelernt, recht früh sogar und auf brutale Weise: Nach dem Abitur wurde er zum Reichsarbeitsdienst abkommandiert, dann zogen ihn Hitlers Schergen zur Wehrmacht ein, und der junge Helmut musste als Flakhelfer für einen geisteskranken Diktator kämpfen. Zuvor hatte ihn bereits sein Vater, ein gestrenger Preuße und Studienrat, mit einer spartanischen Erziehung traktiert. Diese frühe Prägung sollte den Politiker Helmut Schmidt ein Leben lang begleiten. Sie ist maßgeblich für seinen oft kühl und emotionslos wirkenden Hamburger Kaufmanns-Charakter, der sich nur einmal eine gewisse Schwäche eingestand: Als Kanzler Helmut Schmidt im "deutschen Herbst" 1977 über Tod und Leben der "Mogadischu"-Geißeln und des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zu entscheiden hatte, kamen ihm die Tränen.

Sonst hatte sich der gelernte Volkwirt immer im Griff. Gesegnet mit scharfem analytischen Verstand, versuchte er stets, Politik mit dem Kopf statt mit dem Bauch zu machen. Zupass kam ihm dabei seine rhetorische Begabung: Schmidt sprach "frei Schnauze", sehr präzise und mit schneidigem Temperament. Seine intellektuelle Überlegenheit brachte ihn schon 1953 in den Bundestag, "aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit" für die SPD. Nun ist der "Welt-Ökonom" Schmidt zwar nie als Sozialpolitiker aufgefallen, aber im Kern war er ein Genosse der alten Schule: Gerecht musste es zugehen, Chancengleichheit war ihm wichtig - und solides Wirtschaften. Auf diesem Feld geriet er später mit seiner Partei aneinander, in der starke Teile eine leichte Schwäche für sozialistische Idealismen hatten. Das aber war nie die Welt des Pragmatikers Schmidt ("Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen"), weshalb so mancher Unionsmann traurig darüber sinnierte, ob Schmidt "nicht in der falschen Partei" sei.

Bundesweite Aufmerksamkeit und eine gehörige Portion Respekt errang der damalige Hamburger Innensenator Schmidt, als er 1962 den Katastropheneinsatz zur verheerenden Sturmflut in der Hansestadt leitete. Sein Ruf als umsichtiger Krisenmanager war geboren. Mitte der 60er Jahre wechselte er wieder in den Bundestag und sein Aufstieg war programmiert: Fraktionschef der SPD, Verteidigungsminister (1969), ab 1972 Finanzminister. Gemeinsam mit Willy Brandt und Herbert Wehner bildete er das legendäre "Triumvirat" der SPD. Brandts Rücktritt im Zuge der Guillaume-Affäre bescherte ihm dann 1974 wie selbstverständlich das Amt des Bundeskanzlers. Schmidt war konkurrenzlos.

Die Aufgabe des Regierungschefs war ihm wie ein Maßanzug auf den Leib geschnitten. Die Bürger fühlten sich bei dem klugen Schach- und Klavierspieler, der unentwegt Menthol-Zigaretten rauchte, gut aufgehoben. Dem qualmenden Laster frönt er übrigens, wie Ehefrau Loki, bis heute: Wo immer Schmidt auftaucht, "außer in der Kirche", teert er genüsslich seine Lunge. Seiner Gesundheit scheint der Missbrauch wenig anzuhaben: Zwar musste er sich schon als Kanzler (1981) einen Herzschrittmacher einsetzen und später auch einer Herzoperation unterziehen lassen; doch außer der altersbedingten Gebrechlichkeit, die mittlerweile eine Gehhilfe erfordert, ist er noch gut "beisammen".

"Mann des Jahres 1975"

Als Kanzler hat Schmidt Maßstäbe gesetzt in Sachen straffer Führung und klarer Handlung. Selbst das Ausland war begeistert, die Londoner "Financial Times" ernannte ihn 1975 zum "Mann des Jahres". Doch so sehr er sich auch mühte: Die politische und wirtschaftliche Lage wurde immer ernster. Erst stieg die Staatsverschuldung, dann die Zahl der Arbeitslosen, schließlich auch die Inflation. Neben der RAF-Randale machte auch die damals rebellische Jugend Rabatz, demonstrierte gegen die USA, den Radikalenerlass, die Nachrüstung, die Kernernergie. Das Klima in der Koalition mit der FDP kühlte deutlich ab, was vom Wahlsieg 1980 (über Unions-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß) nur kurzfristig übertünscht wurde. Das dicke Ende kam 1982, als die Regierungspartner immer heftiger über die Wirtschafts- und Finanzpolitik stritten und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff mit einem provokativen Forderungskatalog ("Lambsdorff-Papier") den Bruch erzwang. Die SPD hatte keine Mehrheit mehr und CDU-Chef Helmut Kohl kam über ein konstruktives Misstrauensvotum an die Macht. Die Ära Schmidt war beendet.

Der international hoch angesehene Staatsmann war damals 64 Jahre alt, zu jung fürs alte Eisen. Verleger Gerd Bucerius, ein ehemaliger CDU-Abgeordneter, holte ihn als Herausgeber zur Hamburger "Zeit". In dem renommierten Wochenblatt, aber auch bei zahlreichen Vorträgen in aller Welt, gibt Schmidt seitdem seine Weltsicht zum besten, meist kritisch-knurrend, stets mit Substanz. Zudem schreibt er unentwegt Bücher und tritt gelegentlich - immer mit Fluppe - im Fernsehen auf, wo der Mann von "rustikaler Zuneigung" (seine einzige Tochter Susanne, heute 61 und in England lebend) ebenso schlagfertig wie kokett Fragen beantwortet. Jetzt, mit 90, schwebt er über den Dingen und genießt absoluten Kultstatus. Mit cooler Arroganz zelebriert er die geliebten Sekundärtugenden und nennt als seine oberste Richtschnur "das öffentliche Wohl", dem er gern dienen wollte. Den ultimativen Paukenschlag zu den bereits seit Wochen andauernden Helmut-Schmidt-Festspielen, bei denen alte Weggefährten in allen möglichen Medien wahre Feuerwerke an Jubelarien abbrannten, lieferte der frühere US-Außenminister Henry Kissinger: Er möchte vor seinem Freund Helmut sterben, brummelte der fünf Jahre jüngere gebürtige Deutsche kürzlich bedeutungssschwer in die Kameras. Denn "in einer Welt ohne Helmut Schmidt" wolle er "nicht leben"...

 Heute: Helmut und Hannelore "Loki" Schmidt sitzen im Botanischen Garten in Hamburg auf einer Bank. Foto: dpa

Heute: Helmut und Hannelore "Loki" Schmidt sitzen im Botanischen Garten in Hamburg auf einer Bank. Foto: dpa

 Damals: Das junge Paar Loki und Helmut Schmidt 1943 an einem Strand bei Hamburg. Foto: Simon

Damals: Das junge Paar Loki und Helmut Schmidt 1943 an einem Strand bei Hamburg. Foto: Simon

 Ex-Kanzler Helmut Schmidt zieht auf dem SPD-Bundesparteitag 2007 genüsslich an einer Zigarette. Foto: dpa

Ex-Kanzler Helmut Schmidt zieht auf dem SPD-Bundesparteitag 2007 genüsslich an einer Zigarette. Foto: dpa

 Heute: Helmut und Hannelore "Loki" Schmidt sitzen im Botanischen Garten in Hamburg auf einer Bank. Foto: dpa

Heute: Helmut und Hannelore "Loki" Schmidt sitzen im Botanischen Garten in Hamburg auf einer Bank. Foto: dpa

 Damals: Das junge Paar Loki und Helmut Schmidt 1943 an einem Strand bei Hamburg. Foto: Simon

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 Ex-Kanzler Helmut Schmidt zieht auf dem SPD-Bundesparteitag 2007 genüsslich an einer Zigarette. Foto: dpa

Ex-Kanzler Helmut Schmidt zieht auf dem SPD-Bundesparteitag 2007 genüsslich an einer Zigarette. Foto: dpa

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