Wie aus Klein-Nico ein ganz Großer wurde

Wie aus Klein-Nico ein ganz Großer wurde

Nico Rosberg hat es geschafft. Der Deutsch-Finne krönt sich in Abu Dhabi erstmals zum Weltmeister – 34 Jahre nach seinem Vater Keke Rosberg. Im Fahrerlager galt er lange als schlagbarer Schönling. Dabei war sein Erfolg nur eine Frage der Zeit.

"Ich will für Mercedes einmal das sein, was Schumacher für Ferrari war. Und ich werde auch noch dahin kommen, wo Sebastian Vettel schon war. Daran glaube ich. Ihre WM-Titel treiben mich an." Gestern hat Rosberg zumindest einen Teil seiner Wünsche verwirklicht. Im Saisonfinale von Abu Dhabi krönte er sich erstmals zum Formel-1-Weltmeister. Nach elf Jahren und 206 Grand Prix ist er auf dem Olymp des Motorsports angekommen.

Den Grundstein zu diesem Prestigetitel legte Rosberg mit seinem Einstieg 2010 in den Mercedes-Rennstall. Teamchef Ross Brawn hatte das Juwel schon damals durchschaut: "Nico ist ein Siegertyp. Er ist sehr talentiert, ehrgeizig, ein exzellenter Teamplayer, und er macht kaum Fehler. Mit dem richtigen Auto gewinnt er Rennen, und wenn er diesen Schritt geschafft hat, kann er auch um die Meisterschaft mitfahren." Gestern haben sich die Worte seines ehemaligen Vorgesetzten bewahrheitet.

Nico Rosberg hat einen deutschen und finnischen Pass, wurde in Wiesbaden geboren und kennt sich in seinem Mutterland dennoch nicht richtig aus. Denn aufgewachsen ist der 31-Jährige in Monaco, wo er auch heute noch wohnt. Das Fürstentum betrachtet er als sein Zuhause - was seinen früheren Jugendfreund Lewis Hamilton schon öfters zu Sticheleien veranlasste. "Um ehrlich zu sein, war Nico nie in Deutschland, also ist er kein Deutscher", ätzte der Brite - und setzte noch einen drauf. Hamilton kehrte hervor, wie schwierig seine Kindheit unter erbärmlichen Verhältnissen in England gewesen sei. Der "dunkelhäutige Bursche von Nebenan" gegen den "privilegierten Sunnyboy" - ein medienwirksames Bild der beiden Erzrivalen, das Hamilton selbst gerne iniziiert. Nico, Sohn des Ex-Weltmeisters Keke Rosberg , stellte klar: "Ich bin Deutscher und Finne, meine Staatsangehörigkeit habe ich von meiner deutschen Mutter und meinem finnischen Vater übernommen. Aber Finnland ist für mich weit weg, ich spreche nicht einmal die Sprache." Dafür aber fünf andere. Der Kosmopolit parliert fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Nach eigenem Bekunden träumt er auch abwechselnd in diesen Sprachen.

Und Jung-Nico träumte schon früh von einer Rennfahrerkarriere. Die Gene dazu wurden ihm quasi von Papa Keke in die Wiege gelegt. Mit sechs Jahren saß der Sohnemann im Go-Kart und arbeitete sich durch diverse Nachwuchsserien nach oben. Mit 17 absolvierte er 2002 in einem Williams-Boliden seinen ersten Formel-1-Eignungstest. Es dauerte nur wenige Runden, bis Williams bemerkte, dass der jüngste Praktikant, der je an einem Steuer eines F1-Boliden gesessen hat, besser fährt als seine etablierten Chauffeure. 2005 unterschrieb er seinen ersten Vertrag. Nico galt als Wunderkind. Nur konnte keiner dem Wunderkind ein konkurrenzfähiges Auto hinstellen. Drei Jahre fuhr Rosberg frustriert dem Feld hinterher.

Gleich mehrere Top-Teams buhlten aber um die Gunst des damals 24-Jährigen, den Zuschlag bekam schließlich der neue Mercedes-Rennstall. Sein Teamkollege wurde Michael Schumacher . Zahlreiche Experten gingen davon aus, dass Rosberg an der Seite des siebenmaligen Champions zerbrechen würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Rosberg hatte den "alten Hasen Schumi" im Griff.

Für seine Karriere hatte Nico in Papa Keke natürlich einen Fürsprecher. "Klar, dass Papa mir geholfen hat, einen Fuß in die Formel 1 zu kriegen", sagte Nico einmal. Und wie ist sein Verhältnis zu Mama Sina? "Mama ist meine emotionale Anlaufstelle. Ich wurde mit viel Liebe erzogen. Bis heute haben wir einen engen Familienzusammenhalt", beschreibt Nico die Situation zu Hause. Seit zwei Jahren ist er mit seiner Sandkastenliebe Vivian Sibold, einer Innenarchitektin aus Hamburg, verheiratet. Tochter Alaia bereichert seit 13 Monaten das skandalfreie Leben der Rosbergs. "Die Geburt unserer Tochter war das wichtigste Wochenende", stellte der Papa in einer Pressekonferenz klar.

Nico Rosberg - Typ Schwiegermutters Liebling - strahlt allein mit seiner Erscheinung für viele die Formel-1-Glamour-Attribute der Schönen, Reichen und Erfolgreichen aus. Wegen seines gepflegten Auftretens, der einst beneidenswerten Mähne und der blütenweißen Boulevard-Weste war das Sprachgenie zeitweise dem Spott seiner Kollegen ausgesetzt. Im Fahrerlager galt er als Schönling. Wegen seiner langen Haare wurde er in Anlehnung an die Sängerin Britney Spears scherzhaft "Britney" genannt. Ein Mercedes-Mechaniker klebte ihm in Abu Dhabi sogar ein Passbild der Sängerin in den Personalausweis. Sebastian Vettel wählte seinen Kollegen zur "schönsten Frau im Fahrerlager". Und nicht wenige aus dem Formel-1-"Zirkus" waren der Meinung: "Nico gehört eigentlich auf den Laufsteg."

Hätte es mit der Motorsportkarriere nicht geklappt, wäre Nico nicht auf der Rennstrecke, sondern im Luftraum gelandet. Die besten Voraussetzungen dafür waren in der Internationalen Schule in Nizza, wo er das Abitur mit 2,1 machte, seine Lieblingsfächer Mathematik und Physik: "Ich hätte wohl Flugzeugbau oder Ingenieurwesen studiert. Aber dann kam die Fahrerei dazwischen." Die Fahrerei - seit gestern zählt er zu den absoluten Größen der Szene.

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