Vierter Pavillon: Wie aus einem Museumsbau ein politischer Skandal wurde

Vierter Pavillon : Wie aus einem Museumsbau ein politischer Skandal wurde

Ende nächster Woche wird das Saarlandmuseum wiedereröffnet. Zugleich geht damit die elfjährige Leidensgeschichte rund um den Vierten Pavillon zu Ende –  Rückblick auf eine „chronique scandaleuse“.

Dabei war ein Erweiterungsbau für das Saarlandmuseum immer wieder mal erwogen worden. Bereits in der Regierungszeit Oskar Lafontaines ging der damalige Kultusminister Diether Breitenbach mit der Idee schwanger. Doch erst dessen CDU-Nachfolger Jürgen Schreier schwang sich dann hemdsärmelig 2006 zum Geburtshelfer auf. Dass Schreier die Rolle des Machers liebte, hatte er zuvor bereits mit seiner G8-Reform gezeigt, bei der das Saarland seinerzeit Vorreiter war. Damals sonnte er sich in republikweiter Aufmerksamkeit, mit den Folgen hat das Land bis heute zu kämpfen. Schreiers zupackende Art setzte in gleicher Manier dann auch den Vierten Pavillon aufs Gleis. Allerdings wurden dann die Weichen falsch gestellt.

Damals prasselte es Beifall – und heute? Möchte am liebsten keiner mehr an die daraus resultierende „chronique scandaleuse“ erinnert werden. Angefangen von dem chaotisch verlaufenden Realisierungswettbewerb über die späteren diversen Bauskandale und exorbitanten Kostenexplosionen bis hin zu einem quälend unergiebigen Untersuchungsausschuss des Landtags sowie all den Köpfen, die seither wegen der Causa Pavillon gerollt (oder nicht gerollt) sind.

Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Schreier sich mit dem Erweiterungsbau ein repräsentatives Denkmal setzen wollte und nicht zuletzt deshalb jener Entwurf übergangen wurde, der vielleicht den größten Charme gehabt hätte: Das Saarbrücker Büro Lauer Architekten wollte den Neubau vor der Modernen Galerie von Hans Schönecker ins Erdreich versenken. Lauers schwarzer Würfel hätte nur 1,50 Meter hoch aufgeragt. Zu wenig für ein „Klein-Bilbao“, sprich jenen Leuchtturm, den der Kultusminister vor Augen hatte? Ein Blick nach Frankfurt, wo die Erweiterung des Städels am Mainufer heute für unterirdisches Glück sorgt, zeigt, dass solche Museumsbauten hochwassertauglich sein können.

Das Preisgericht hatte Lauer Architekten im Realisierungswettbewerb als dritten Preisträger bestimmt. Später wurde dann der erste Preisträger (Hochberg + Neff, Darmstadt), in dessen spektakulärer Museums­skulptur Minister Schreier damals „die Dynamik des Landes“ angemessen repräsentiert sah, nachträglich disqualifiziert, weil seine Planung teilweise außerhalb des vorgegebenen Baufelds lag. Als dann der zweite Preisträger, der dagegen erfolgreich geklagt hatte (Karl + Probst, München), sich mit dieser Klage selbst aller Chancen beraubte, hätte es eigentlich doch noch auf Lauers bezwingenden Entwurf hinauslaufen können. Hätte, wäre, könnte, müsste – die Pavillon-Verwicklungen nahmen damals erst ihren Anfang.

Auf (wie so oft einstimmigen) Beschluss des Kuratoriums der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, das sich als Aufsichtsgremium in den Folgejahren diskredierte und zu einem besseren Abnickverein verkam, fiel die Wahl zuletzt auf den vierten Preisträger: das junge Kölner Büro twoo-Architekten. Das Museumskind aber war da bereits in den Brunnen gefallen. Auch blies der Landesregierung schon zu diesem Zeitpunkt immer mehr Gegenwind ins Gesicht. Erst vergällte ihr (unter teilweisem Beifall der Kommunalpolitik) eine Bürgerinitiative das Projekt, die gewissermaßen die Heiligsprechung des als Baufeld vorgesehenen Rasenstücks vor Schöneckers Moderner Galerie propagierte. Anschließend folgte ein langwieriges Geplänkel mit der Landeshauptstadt um einen, einem politischen Faustpfand gleich in deren Besitz befindlichen Grundstücksstreifen. Genug – nicht alle Kleinkariertheiten von damals sind es wert, nochmal ans Licht gezogen zu werden.

Dafür lohnt es, daran zu erinnern, dass die damalige Kuratoriumsvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer – die heutige Ministerpräsidentin hatte ihren Parteikollegen Jürgen Schreier zwischenzeitlich als Kultusminister abgelöst – das Gremienvotum für twoo-Architekten seinerzeit mit dem Hinweis verband, eine Glasfassade aus gewelltem Gussglas namens „Paté de verre“ solle verhindern, dass der twoo-Entwurf wie ein Klotz wirke. Daraus wurde dann bekanntlich auch nichts: Aufgrund immer höherer Kostenschätzungen entschloss man sich später, auf diese aufwändige Fassadengestaltung (und damit optisch auf das Herzstück des twoo-Entwurfs) zu verzichten. Einer der Gründe, weshalb das Kölner Büro im Streit mit der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz (und deren seinerzeitigem Vorstand Ralph Melcher) dann aus dem Projekt ausstieg.

Schreier, Melcher und der als Projektsteuerer eingesetzte saarländische Architekt Gerd Marx (ein Duzfreund des Ministers) stellten in der bald von viel Gezeter und Tohuwabohu überschatteten anfänglichen Bauphase des Projekts „Vierter Pavillon“ das maßgebliche Triumvirat. Alle drei kamen mehr oder weniger darüber zu Fall. Dabei wäre ohne den später viel gescholtenen (und von der SPD-Opposition als „Bauernopfer“ der krisengeschüttelten Landesregierung bezeichneten) CDU-Mann Schreier der Erweiterungsbau womöglich nie gekommen. Dass die mutmaßlichen Kosten des Projekts von Anfang an schön geredet wurden, steht außer Frage. Dass dies im politischen Geschäft seit langem gängige Praxis ist, um Investitionsvorhaben geschmeidiger durchboxen zu können, desgleichen. Was jedoch die Causa „Vierter Pavillon“ begründetermaßen zum wohl größten Politikum der jüngeren Landeshistorie werden ließ, waren vielfältige Indizien, denenzufolge Öffentlichkeit und Parlament über Jahre hinweg gezielt und systematisch getäuscht worden waren. Nicht von ungefähr geißelte der parlamentarische U-Ausschuss später das „einzigartige Missmanagement“ des Bau-Debakels und erwog der eingeschaltete Rechnungshof Regressansprüche gegen damalige Kuratoriumsmitglieder. Bis heute ist niemand politisch dafür unmittelbar zur Verantwortung gezogen worden. Selbstkritisch resümierte Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer im September 2011 in ihrer damaligen ersten Regierungserklärung: „Die Politik hat versagt. Das ist der eigentliche Grund für die Vertrauenskrise.“

Von 2012 bis 2016, verteilt auf zwei Legislaturperioden, versuchte der Untersuchungsausschuss des Landtags, Licht ins Dickicht der Affäre zu bringen und das aufgrund zahlloser, chaotischer Zusatz-, Neben- und Nach-Beauftragungen von x-Architekten, Beratern und Ingenieuren nahezu undurchdringliche Geflecht zu entwirren und klare Verantwortlichkeiten auszumachen. Weitgehend vergeblich – dank einer offensichtlich ziemlich perfekt betriebenen Camouflage? Nicht nur sagenhafte fünf Kulturminister (!) wechselten sich über die Jahre in der Pavillon-Oberhoheit ab (die vier CDUler Jürgen Schreier, Annegret Kramp-Karrenbauer, Karl Rauber und Stefan Toscani sowie seit Mai 2012 SPD-Mann Ulrich Commerçon). Auch sechs Vorstände der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz waren mehr oder minder darin involviert: Nur peripher waren dies Ernst-Gerhard Güse (der von Schreier 2001 geschasst wurde) und der danach bestallte, aber nie angetretene Moritz Wullen sowie der auf ihn folgende Interimsvorstand Ernst W. Uthemann. Im knietiefen Pavillon-Sumpf staken dafür die drei anderen: Ralph Melcher, der nach dessen Rauswurf 2011 zwei Jahre lang übergangsweise die Stiftungsgeschäfte führende Meinrad Maria Grewenig sowie seit 2013 Roland Mönig.

Spätestens 2010 wurde der Vierte Pavillon mit Beginn der „Melcher-Affäre“ zum hochexplosiven Minenfeld: Der Landesrechnungshof warf Stiftungsvorstand Melcher vor, private Luxusreisen und opulente Geschäftsessen über die Stiftung abgerechnet zu haben. Überhaupt tat sich ein Abgrund aus Pfusch und Finanzjonglierereien auf. Als die Staatsanwaltschaft dann Ermittlungen gegen Melcher (und den zum Haus- und Hofarchitekten der Stiftung avancierten Marx) einleitete, wurde dieser zunächst suspendiert, später fristlos gekündigt. Drei Jahre zuvor hatte die damalige Kultusministerin Kramp-Karrenbauer Melchers Gehalt noch großzügig erhöht. Nun aber wurde er zur persona non grata. Und musste offenkundig auch als Blitzableiter herhalten für die Politik, die ihre Hände weiter in Unschuld wusch. Dass die jeweiligen Kultusminister qua Amt Vorsitzende des Kontrollgremiums (dem Kuratorium der Stfitung) waren und sind, fiel offenkundig nicht weiter ins Gewicht: Leute, wer kann sich denn schon um alles kümmern?

Aufschlussreich ist, dass ein Prüfbericht des Rechnungshofs schon 2011 feststellte, dass der Erweiterungsbau bereits damals nicht unter Gesamtkosten von 22 Millionen Euro zu realisieren war. Mit anderen Worten: Die angebliche Kostenexplosion war in Teilen ein politischer Mythos.

Je höher die Wogen schlugen beim Pavillon (immer neue Baustopps, Abrissforderungen, Prüfberichte, Museumsschließungen) umso klarer wurde, dass die versaubeutelte Großinvestition andere Planungen mit in ihren Abgrund ziehen würde: Der Erweiterungsbau für die benachbarte Musikhochschule wurde genauso zu den Akten gelegt wie der Bau einer Kulturbibliothek – beide sollten Bestandteil der geplanten „Saarbrücker Kulturmeile“ werden. Am Ende versuchte die Landesregierung – Ironie der Geschichte – ihr ramponiertes Gesicht mittels einer Fassadenlösung zu wahren. Zur ästhetischen Schadensbegrenzung beauftragte man das Berliner Büro Kuehn Malvezzi, das den Konzeptkünstler Michael Riedel mit ins Boot holte. Dessen Idee, Bruchstücke aus der Landtagsdebatte zum Vierten Pavillon auf die Fassade aufzuprägen, sorgte nur für neuen Ärger.

„Hochbunker“ Vierter Pavillon: ein Bild aus trostlosen Zeiten (August 2011). Damals wurde die Kostenschätzung für den Erweiterungsbau auf 30 Millionen Euro taxiert. Heute geht man von Gesamtkosten in Höhe von 39 Millionen aus.  . Foto: dpa/Oliver Dietze

Nun also – elf Jahre nach der Ankündigung des Vierten Pavillons, acht Jahre nach dem Spatenstich und einer mehrjährigen Schließung des Saarlandmuseums – soll die hochnotpeinliche Pannen-Posse endgültig der Vergangenheit angehören. Am 17. November wird das gesamte Ensemble nun endlich eröffnet. Man kann nur hoffen, dass das bedeutendste Landesmuseum seinen Bürgern auf Dauer genug Gründe geben wird, es auch zu besuchen. Und damit nun sein Inneres (die Kunst) und nicht länger die Hülle zum Thema wird.

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