Wenn Worte zu Waffen werden

Emden. Als in Emden Ende März ein elfjähriges Mädchen missbraucht und getötet wird, erfassen Wut, Ohnmacht und Verzweiflung viele Menschen. Die Festnahme eines ersten Verdächtigen heizt die Stimmung in der ostfriesischen Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern weiter auf

Emden. Als in Emden Ende März ein elfjähriges Mädchen missbraucht und getötet wird, erfassen Wut, Ohnmacht und Verzweiflung viele Menschen. Die Festnahme eines ersten Verdächtigen heizt die Stimmung in der ostfriesischen Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern weiter auf. Dann macht auch noch ein Aufruf zur Lynchjustiz im sozialen Netzwerk Facebook die Runde: "Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lass uns das Schwein tothauen." Ein Gericht verurteilte den 18 Jahre alten Verfasser des Aufrufs jetzt zu einem zweiwöchigen Jugendarrest.Es war nur ein kleiner Klick auf dem Handy, und schon rauschte der brisante Eintrag am 27. März auf seine Facebook-Pinnwand. "Ich habe Bockmist gebaut, es tut mir sehr leid", sagt der Auszubildende vor Gericht über seine Tat. Demnach wollte er bekannt werden und sich bei Freunden wichtig machen. Dieses Ziel hat er erreicht, wenn auch anders als erwartet: Im Blitzlichtgewitter und Scheinwerferlicht der Kameras wird der Prozess für den jungen Mann im dunklen Kapuzenpulli zu einem Spießrutenlauf. Ängstlich verbirgt er sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.

Vor Polizisten hat er eingeräumt, der Tod des Mädchens habe ihn emotional stark berührt. Bei Facebook habe es kaum noch ein anderes Thema gegeben. Daher habe er sich in keiner Weise überlegt, welche Tragweite sein Aufruf haben könne. Bei dem Opfer entschuldigte er sich bereits. Der fälschlicherweise Verdächtigte saß drei Tage lang in Untersuchungshaft. Nach seiner Entlassung floh er erst einmal aus der Stadt. Bis heute leidet er an den Folgen des Internet-Mobbings.

Bundesweit hatten Ende März viele Medien die Angaben der Polizei aufgegriffen, wonach sich nachts bis zu 50 Menschen vor der Emder Polizeiwache versammelt hatten. Dabei seien auch Rufe nach der Herausgabe des zu Unrecht Verdächtigten laut geworden. Später ruderte die Polizei zurück: Es sei zu keiner Gewalt gekommen, von einem Lynchmob könne daher keine Rede sein. Es sei auch nicht nachzuweisen, ob die Menge von dem Facebook-Aufruf angelockt wurde oder aus Neugier kam.

Immerhin gefiel 33 von 923 Facebook-Nutzern die Aufforderung zur Lynchjustiz. "Hier müssten noch etliche andere sitzen, die dem Aufruf gefolgt sind", sagt eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe im Prozess. Es soll noch weitere Internet-Einträge anderer Autoren mit üblem Inhalt gegeben haben. Die Polizei hält sich zu diesen Ermittlungen bedeckt.

Richter Günther Bergholz beunruhigt der offene, leichtsinnige und unüberlegte Umgang von Jugendlichen mit Facebook: "Wir sind in großer Sorge, aber Sie sind sicher nicht der Einzige, der Dinge verbreitet, die nicht verbreitet werden dürfen." Für den Medienrechtsexperten Udo Vetter ist der folgenreiche Lynchaufruf in Emden der Beleg dafür, dass virtuelle und reale Welt längst verschmolzen sind. Nicht jedem Internet-User sei bewusst, dass er sich strafbar machen könne, sagt der Düsseldorfer Strafrechtler.