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Wenn "Tante Emma" Kerstin heißt

Wenn "Tante Emma" Kerstin heißt

Gisingen. Ein Mann im blauen Jogging-Anzug und mit Badeschlappen steht im Dorfladen. Ladenbesitzerin Kerstin Hector füllt hinter der Holztheke eine Papiertüte mit Brötchen und legt sie vor ihm ab. "2,80 Euro bitte", sagt sie. Der Mann zählt das Geld auf die Theke, nimmt seine Brötchentüte und verlässt den Laden.Seit 2005 gibt es den Saargau-Dorfladen in Wallerfangen-Gisingen

Gisingen. Ein Mann im blauen Jogging-Anzug und mit Badeschlappen steht im Dorfladen. Ladenbesitzerin Kerstin Hector füllt hinter der Holztheke eine Papiertüte mit Brötchen und legt sie vor ihm ab. "2,80 Euro bitte", sagt sie. Der Mann zählt das Geld auf die Theke, nimmt seine Brötchentüte und verlässt den Laden.Seit 2005 gibt es den Saargau-Dorfladen in Wallerfangen-Gisingen. Und Kerstin Hector ist von Anfang an dabei. Zuerst als Aushilfe, jetzt als Inhaberin des kleinen Tante-Emma-Ladens. Im Ort gibt es sonst keine Einkaufsmöglichkeiten - und auch in anderen ländlichen Gegenden hat das Saarland nach Auskunft des Landesverbandes Einzelhandel in dieser Hinsicht viele "weiße Flecken", Tendenz steigend. Dennoch sind Läden wie der in Gisingen hierzulande eher eine Seltenheit. "Damit so ein Dorfladen überlebensfähig ist, müssen alle Voraussetzungen stimmen", sagt Christoph Kleer, Geschäftsführer des saarländischen Einzelhandelsverbandes. Vor allem müsse der Tante-Emma-Laden mehr sein als nur der Lebensmittelladen, der eine Versorgungslücke schließt, wo es keinen großen Supermarkt gibt.

Als Nächste betritt Ortsvorsteherin Ulrike Heffinger den Laden in Gisingen und bestellt einen Espresso. "Ich gehe meistens vor der Arbeit hier einen Espresso trinken", erzählt sie, während sie auf ihren Wachmacher wartet. Aber nicht nur deswegen kommt sie so oft in den Laden. "Ich werde immer auf dem Laufenden gehalten, was im Ort passiert", sagt sie. Kerstin Hector stellt eine kleine Tasse vor der Ortsvorsteherin auf der Theke ab und lehnt sich daneben an. 820 Einwohner hat Gisingen, erzählt die Ortsvorsteherin, "und seit gestern Abend ist auch noch keiner gestorben", fügt sie hinzu. Beide Frauen lachen. Wenn Kerstin Hector mit ihren Kunden spricht, fällt auf, dass sie fast alle duzt. "Ich kenne viele Kunden", sagt sie. Zeit für einen Scherz oder ein nettes Wort hat sie immer. "Viele müssen gar nichts mehr sagen, wenn sie reinkommen. Ich weiß schon, was sie einkaufen wollen", erzählt die 46-Jährige.

Thorsten Rohé schätzt den sozialen Aspekt, die Bedeutung für die Dorfgemeinschaft, bei Tante-Emma-Läden hoch ein. "Sie müssen der Mittelpunkt des Ortes sein, ein Treffpunkt, wo man sich austauscht", sagt der Leiter des CBM-Instituts in Kleinblittersdorf, das sich seit 2004 für die wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gegenden engagiert. CBM entwickelt Konzepte für Dorfläden, mobile Händler oder Bringdienste. Auch die Agentur ländlicher Raum betont die Bedeutung von Kommunikations-Zentren in den Gemeinden. Unter diesem speziellen Aspekt seien deshalb bereits Dorfläden vom Land gefördert worden, darunter der in Gisingen.

Während Kerstin Hector und Ulrike Heffinger an der Theke plaudern, sammelt sich vor dem Laden eine Gruppe junger Leute. "Guck mal, die Frühstücksbande kommt", sagt die Ortsvorsteherin. Die jungen Leute betreten den Laden und grüßen freundlich. Sie überlegen, ob sie bei dem schönen Wetter nicht noch ein letztes Mal draußen frühstücken könnten. Eine der jungen Frauen friert. "Soll ich dir eine Decke rausbringen?", fragt Kerstin Hector. Mit dem Angebot ist der Plan beschlossen. Sie setzen sich vor dem Laden an einen Holztisch. Kerstin Hector geht zu ihnen. "Was kann ich euch bringen?", fragt sie. Wieder im Laden, legt sie Brötchen in einen Korb und holt Teller und Messer. "Die kommen immer, wenn sie freihaben", erzählt sie und richtet Wurstscheiben auf einer Platte an. Dann bringt sie alles hinaus. Auch Ortsvorsteherin Ulrike Heffinger gesellt sich zu der Runde vor dem Laden.

Gisingen ist von der Saarlouiser Innenstadt rund zehn Kilometer entfernt. Wenn es den Dorfladen nicht gäbe, müssten die Einwohner zum Einkaufen den Berg runter nach Wallerfangen fahren. Dort gibt es den nächsten Supermarkt - eine Strecke von fünf Kilometern. Wer kein Auto hat, steht da ganz schön im Regen. Besonders auch für ältere Leute, die nicht mehr so mobil sind, sei der Saargau-Dorfladen ideal, schwärmt Ortsvorsteherin Heffinger. "Wenn alle Stricke reißen, werden ältere Bürger auch beliefert", sagt sie. Sie appelliert auch an junge Leute, im Dorfladen einzukaufen, "sonst gibt es den Laden nicht mehr, wenn sie älter und weniger mobil sind". Aber nicht nur Gisinger kaufen bei Kerstin Hector ein. "Wir haben auch Kunden aus den umliegenden Ortschaften", erklärt sie.

Im Schnitt sind es nach Angaben der Agentur ländlicher Raum für jeden Saarländer rund fünf Kilometer bis zum nächsten Supermarkt. Dementsprechend gebe es "keine Region, die einkaufstechnisch unterversorgt ist". Vor allem vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sind kleine Lebensmittelgeschäfte jedoch wieder in den Fokus gerückt. Nach Einschätzung des Handelsverbandes Deutschland gewinnt die wohnortnahe Versorgung - unabhängig ob auf dem Land oder in der Stadt - an Bedeutung. Es gebe viele Gemeinde-Initiativen, aber selbst die großen Supermarktketten entwickelten inzwischen Strategien, um das Nötigste zum Leben sozusagen um die Ecke anzubieten.

"Gerade in ländlichen Orten gibt es bereits Altersstrukturen von 65 plus. Viele ältere Menschen können nicht mehr weit laufen. Wenn es keine Geschäfte in ihrer Nähe gibt, geraten sie in eine Abhängigkeit, die sie nicht wollen", sagt Thorsten Rohé vom CBM-Institut. Sich auf diese Herausforderung einzustellen, sei für den Handel, aber auch die Politik eine Aufgabe für die kommenden Jahre. Noch passiere da zu wenig. Ab 800 Einwohnern, sagt Rohé, könne ein Dorfladen rentabel sein, wenn das Angebot auf die individuellen Bedürfnisse des Ortes abgestimmt sei. Den Saargau-Dorfladen in Gisingen, dessen Umzug in neue Räume das CBM-Institut im vergangenen Jahr begleitet hat, hält Rohé für ein Vorzeige-Projekt.

Kerstin Hector verkauft in ihrem Dorfladen nicht nur Brötchen und Wurst. In der Nähe des Eingangs steht ein Regal mit Schreibwaren. Daneben gibt es Produkte aus der Region: Honig, Marmelade und Likör. Wurst und Käse liegen in einer leise brummenden Kühltheke. In einem Nebenraum stehen Konservendosen ordentlich sortiert in Regalen, daneben Getränke. In einem Kühlregal sind Milch und Joghurt zu finden. "Viele denken, dass es in kleinen Läden teurer ist, wir sind aber sogar oft günstiger als der Supermarkt", sagt die Ladenbesitzerin.

 Ladenbesitzerin Kerstin Hector packt ein Baguette für einen ihrer Kunden ein.
Ladenbesitzerin Kerstin Hector packt ein Baguette für einen ihrer Kunden ein.

Die 46-Jährige könnte die Arbeit im Laden gar nicht allein schaffen, denn sie hat jeden Tag geöffnet, auch an Sonn- und Feiertagen. Drei Aushilfen hat sie. Eine davon ist gerade zur Arbeit gekommen. "Erst war ich Stammkundin, jetzt bin ich Aushilfe", erzählt Nicole Schwarz. Seit einem Jahr arbeitet sie fest im Laden. "Ich bin aber auch jeden Tag hier, wenn ich nicht arbeiten muss", sagt sie. Hinter der Theke besprechen sich die Frauen kurz, dann schmieren sie weitere Brötchen. Inzwischen ist das Grüppchen vor dem Laden fertig mit dem Frühstück. Es wird ruhiger - vorerst. "110 bis 120 Kunden habe ich am Tag", erzählt Kerstin Hector. Jetzt räumt sie erstmal das schmutzige Geschirr weg. Bis die nächsten Kunden kommen.