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Wenn nachts der Melkroboter anruft

Wenn nachts der Melkroboter anruft

Eppelborn. Nachts zuckt Markus Eckert (28) schon mal zusammen, wenn das Telefon klingelt. Auf der anderen Seite der Leitung könnte sich der Melkroboter melden, wenn er technische Probleme hat. Landwirtschaft auf dem Hof von heute ist mit den Abläufen von vor zehn oder zwanzig Jahren kaum noch vergleichbar

Eppelborn. Nachts zuckt Markus Eckert (28) schon mal zusammen, wenn das Telefon klingelt. Auf der anderen Seite der Leitung könnte sich der Melkroboter melden, wenn er technische Probleme hat. Landwirtschaft auf dem Hof von heute ist mit den Abläufen von vor zehn oder zwanzig Jahren kaum noch vergleichbar. Modernste Technik beherrscht das Geschehen, Computer unterstützen und plagen den Bauern gleichzeitig.

Es ist 6.30 Uhr. Eckert und seine Freundin Vanessa Giese (23, Bankkauffrau) machen sich auf den Weg zu den neuen Stallungen. Der junge Landwirt hat sie als Ausbaustufe des seit mehreren Generationen im Familienbesitz befindlichen Hofes in diesem Frühjahr in Betrieb genommen. Markus Eckert kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Als Kind fuhr er noch bei Vater Johann auf dem Traktor mit, heute fährt er selbst. Und hat sich mit dem Meisterbrief das nötige Rüstzeug für seinen Beruf angeeignet. "Mir hat die Landwirtschaft immer schon Spaß gemacht. Ich kann jeden Tag das Ergebnis meiner Arbeit sehen. Und was ich im Herbst aussäe, kann ich im Frühjahr ernten." So laufe es auch mit der Arbeit im Stall, sagt der Landwirt. "Wenn ich die Tiere optimal füttere, bekomme ich das von den Kühen mit Wohlbefinden und Milch zurück."

100 Milchkühe warten jeden Morgen auf den Bauern. Die Tiere können sich in den Liegeboxen sowie den Fress- und Laufgängen frei bewegen. Sie haben erstaunlich viel Platz. Es folgt eine Überraschung: Markus Eckert wird jetzt nicht, wie früher schon seine Mutter Hildegard, zwei bis drei Stunden lang die Kühe melken. Und dann noch einmal mit dem gleichen Zeitaufwand am Abend. Das übernimmt ein Melkroboter. Eckert gewinnt so mehr Zeit für die zahlreichen anderen Arbeiten, um die Entwicklung des Betriebes voranzutreiben. Die Routinearbeiten wie die Berechnung, Mischung und das Verteilen des Futters oder für die Aussaat von Raps sind geblieben.

Die Erntearbeiten, die Wartung von Maschinen und die Bewältigung der immer weiter zunehmenden Bürokratie nehmen auch eine gewisse Zeit in Anspruch. Denn Markus Eckert muss nahezu alle Vorgänge auf dem Hof schriftlich dokumentieren. Von der exakten Zusammensetzung des Futters bis hin zur Meldung aller Daten von jeder Kuh an die Rinderdatenbank "Hit" in München. Dort wird jeder Vorgang bundesweit festgehalten: von der Geburt des Kälbchens bis hin zum Verkauf der Tiere. Ein Großteil der Zeit, die der Melkroboter dem Landwirt zusätzlich bringt, frisst die Bürokratie wieder auf.

Der Melkroboter ist 24 Stunden im Einsatz. Und wie durch ein Wunder kommen die Kühe auch von selbst zum Melken. Nicht zu festen Zeiten, sondern jedes Tier zu einer anderen Uhrzeit. Dazu gehört eine gewisse Lernfähigkeit. Die Tiere haben das System erstaunlich schnell begriffen. Das Geheimnis: Der Melkroboter lockt die Tiere mit einem Milchleistungsfutter an, das aus Körnermais, Raps-, Soja- und Getreideschrot besteht. Zudem sind die Kühe froh, wenn sie nach einer gewissen Menge angestauter Milch ihre Euter leeren können. In der Regel erfolgt jeweils nach zehn Litern ein Melkvorgang. 30 Liter Milch pro Tag liefert eine Kuh bei Eckert im Durchschnitt ab. Alle zwei Tage holt die Hochwald Molkerei die Milch ab. Der Markt ist heute global. Deshalb weiß der einzelne Landwirt am Ende nicht mehr, ob seine Milch in der Region getrunken wird, zum Discounter kommt oder sogar als Käse in New York zu kaufen ist.

Ganz schlaue Kühe suchen den Melkroboter gleich mehrmals hintereinander auf, weil sie sich noch ein "Leckerlie" erhoffen. Und wundern sich dann darüber, dass es nix mehr gibt. Dieser Melkroboter, er registriert einfach alles. Markus Eckert kann sämtliche Daten, die der elektronische Helfer ermittelt, jederzeit abrufen. Zumal jede Kuh elektronisch mit einer Nummer registriert ist. Eine Ausnahme gibt es. Die Nummer zehn trägt auch einen Namen, auf den die Kuh sogar hört, wenn man sie ruft. Silke, geboren am 29. April 2005 mit ihrer Ohrenmarke und der Lebensnummer DE 10 823 37 331. Silke ist das größte Tier im Bestand mit einem Lebendgewicht von 902 Kilo. Das ist außergewöhnlich, denn im Schnitt kommen Kühe auf 650 Kilo, verrät Markus Eckert. Nur wenige Tiere muss er immer noch selbst zum Roboter treiben. Diese blicken bei dem Melksystem einfach nicht durch.

Der Roboter registriert auch die Bewegung der einzelnen Kühe. Das verrät Weiteres. Etwa, dass "Nummer 825 besonders verschmust ist". Der Roboter kann auch erkennen, wann der beste Zeitpunkt zur Besamung des Tieres gekommen ist. Oder, wann man das Tier am besten aus der Herde nimmt, weil es demnächst ein Kälbchen erwartet. Der Roboter schlägt ebenfalls elektronisch Alarm, wenn er anhand abweichender Bewegungen erkennen kann, dass sich ein Tier nicht wohl fühlt, möglicherweise eine Krankheit droht. Trotz modernster Technik kontrolliert der Landwirt weiterhin jede Kuh auch persönlich. "Man muss die Tiere im Auge behalten. Das ist das A und O", sagt Markus Eckert.

Und wenn der Melkroboter mal ausfällt, sendet dieser automatisch per Telefon ein Alarmsignal. Dann ist schnelles Handeln angesagt, denn die Kühe müssen ja weiter gemolken werden. Für leichte Reparaturen, die der Landwirt selbst ausführen kann, steht im Stall ein "Notfallkoffer" bereit. Bei größeren Störungen ist eine 24-Stunden-Hotline geschaltet. Die Experten kommen innerhalb von einer Stunde direkt aus Bitburg. Markus Eckert hat zwei Roboter angeschafft, will deshalb auch seinen Bestand an Kühen auf 140 ausbauen. Darüber hinaus hat der Hof noch 120 Mastschweine, 30 Mastbullen und die weibliche Nachzucht der Milchkühe. Der Betrieb bewirtschaftet 50 Hektar Grünland und 100 Hektar Ackerfläche.

Eckerts Entscheidung, den Hof von seinem Vater Johann zu übernehmen, gingen einige Überlegungen voraus. Die räumlichen Grenzen des Hauptbetriebes im Ortskern waren erreicht, für weiteres Wachstum waren neue Stallungen und größere Investitionen erforderlich. Zudem rückte für den Vater das Rentenalter immer näher. Den Familienbetrieb also aufgeben oder den Schritt zum Ausbau wagen? Markus Eckert hat sich entschieden, der Bank einen detaillierten Entwicklungsplan vorgelegt und Unterstützung gefunden. Auch die Eltern helfen ihrem Sohn mit Rat und Tat, wenn er dies wünscht.

Hans Lauer, Geschäftsführer des Bauernverbandes an der Saar, hält die Entscheidung von Markus Eckert für mutig und richtig. Nur 25 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe an der Saar fänden heute einen Nachfolger. Das könne man zwar bedauern, aber für die verbleibenden Landwirte und ihre Betriebe böten sich dadurch wiederum größere Wachstumschancen. Waren vor 30 Jahren noch 1024 Milcherzeuger an der Saar aktiv, so sind es heute noch rund 200. Die produzieren jährlich insgesamt 89 Millionen Liter Milch. Und müssen nach Auskunft von Lauer auch sehr hohe Investitionen in den Hof, Maschinen und Tiere tätigen. Mittlerweile ist es 19 Uhr. Der Landwirt schaut noch einmal nach den Tieren. Alles in Ordnung. Feierabend.

Für früher von ihm gepflegte Hobbys wie Fußball reicht die Zeit trotz der Technik auch heute nicht. Doch man kann sich zumindest leisten, mal sonntags etwas länger zu schlafen. Und wenn die Familie hilft, ist auch mal ein Urlaub drin. Die Eltern und auch Freundin Vanessa sind froh, dass sich Markus für die Landwirtschaft entschieden hat. "Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung. Und bin sehr stolz auf ihn", sagt Vanessa. Auch Markus selbst hat den Schritt nicht bereut. "Ich finde es cool, wenn man jeden Fortschritt sieht, und hoffe auf angemessene Preise für die in der Landwirtschaft hochwertig erzeugten Lebensmittel."