Wenn Lehrer im Klassenzimmer schlagen

Wenn Lehrer im Klassenzimmer schlagen

Saarbrücken. "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." So steht es in Paragraf 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs der Bundesrepublik Deutschland. So steht es auch in großen Lettern auf der Internetseite des Vereins "Lernen ohne Angst"

Saarbrücken. "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." So steht es in Paragraf 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs der Bundesrepublik Deutschland. So steht es auch in großen Lettern auf der Internetseite des Vereins "Lernen ohne Angst". Angelika Bachmann aus Zossen bei Berlin hat diesen Verein 2006 gemeinsam mit anderen Eltern gegründet, nachdem sie "aus allen Wolken gefallen" war. Sie selbst hatte "eine traumhafte Schulzeit", und nie im Leben hätte sie geglaubt, dass die Schule für ihre Kinder zum Albtraum werden könnte. Sie wurde eines Schlechteren belehrt. "Der Auslöser für die Vereinsgründung war der körperliche Angriff einer Lehrerin auf meine Tochter Katharina - sie ging damals noch in die Grundschule." Strafanzeigen von Bachmann und anderen Eltern wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. "Der Grund: Unsere Kinder hatten keine sichtbaren Wunden - nur unsichtbare, auf der Seele."Angelika Bachmann kennt auch die Geschichte einer Gesamtschullehrerin, die einen Zwölfjährigen vor der gesamten Klasse zur Strafe Kniebeugen machen ließ, ihn in den Po trat und ihm einem nassen Tafelschwamm so lange ins Gesicht drückte, bis er sich übergab.Bachmann hat viele schlimme Geschichten gehört in den vergangenen Jahren. Sie haben sie wütend gemacht. Sie spricht inzwischen von einer "Schlacht", die vermutlich lange dauern wird, "und von der ich nicht weiß, ob wir sie gewinnen". Wie sehr Lehrergewalt ein Tabuthema ist, hat Bachmann vor allem bei der Recherche zu ihrem Buch "Wenn Lehrer schlagen" erfahren. Auf der Suche nach Statistiken habe sie alle deutschen Kultusministerien angeschrieben - von keinem einzigen bekam sie konkrete Auskünfte. "Entweder wurde gelogen oder sie haben wirklich keine Zahlen", sagt Bachmann. Es gibt tatsächlich wenig Greifbares zum Thema. Laut einer Studie der Uni Bremen ist die Zahl von Schülern, die von Lehrern "körperlich gezüchtigt" wurden, "alarmierend hoch" - in fast jeder Schulklasse sei ein Kind betroffen. Und die TU München fand heraus, dass zwölf Prozent der Schüler und 18 Prozent von befragten Lehramtsstudenten mindestens einmal körperliche Gewalt erlebt haben. Jungen sind offenbar häufiger Opfer als Mädchen, besonders oft trifft es anscheinend Kinder mit alleinerziehenden oder geschiedenen Eltern, mit Migrationshintergrund oder auch besonders unruhige oder schwache Schüler. Gegen Gewalt im Klassenzimmer haben sich mittlerweile überall in der Republik Initiativen formiert. "Kinder in Schulnot" heißt eine in Köln, "Eltern contra Schulunrecht" die in Hamburg, und im Saarland besteht seit drei Jahren die "Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen". Petra Litzenburger aus Riegelsberg hat sie gegründet, nachdem, so erzählt sie es, ihr Sohn in der Grundschule geschlagen worden war. Als sie sich wehren und auf die Missstände aufmerksam machen wollte, sei sie "gegen Wände gelaufen". Wände der Ignoranz. "Das Ministerium verschließt die Augen, versucht, Sachen unter den Teppich zu kehren", sagt Litzenburger. Bei ihr rufen Mütter an, "die nicht mehr ein noch aus wissen", und der "großen Macht der Schule hilflos gegenüberstehen", die sich nicht zu sagen trauen, dass etwas nicht stimmt. "Dramatische Ausmaße" habe das angenommen, sagt Litzenburger, quer durch alle Schulformen, quer durchs Land, gerade hat sie einen Fall aus dem Kreis St. Wendel auf dem Tisch. Litzenburger listet, wenn alle anderen Bemühungen zu einer Konfliktlösung gescheitert sind, "Ross und Reiter" im Internet auf. Lieber wäre ihr, wenn es anders ginge, schon seit Jahren fordert sie eine Schiedsstelle, die bei Problemen zwischen Schülern, Lehrern, Schulaufsicht und Eltern vermittelt. Sie würde gerne mit dem Ministerium zusammenarbeiten - "doch die haben daran kein Interesse. Im Gegenteil. Das Ministerium warnt Eltern inzwischen vor mir".Wie schlimm die Lage im Saarland ist, lässt sich kaum seriös beantworten. Der von Litzenburger geschilderten Dramatik steht wenig Konkretes gegenüber, zuletzt wurde eine Schulleiterin aus dem Kreis Merzig-Wadern wegen Prügel-Vorwürfen versetzt, vor Wochen ein Grundschullehrer aus dem Saarpfalz-Kreis wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Staatsanwaltschaft und Kultusministerium haben derzeit keine weiteren Fälle vorliegen, heißt es auf Nachfrage, auch die größten Lehrerverbände im Land, GEW und SLLV, sprechen von "ganz wenigen Ausnahmen". SLLV-Chef Herbert Möser etwa sind in acht Jahren als Verbandsvorsitzender zwei Fälle begegnet, die vor Gericht endeten. "In der Regel verlaufen die Begegnungen im Klassenzimmer gewaltfrei", sagt Möser: "Zwar nicht konfliktlos, aber gewaltfrei." Klaus Kessler, Chef der GEW, berichtet, dass Schüler zunehmend schwieriger werden - "und zwar in dem Maße, in dem familiäre Verhältnisse problematischer werden" -, doch auch er hat keine "signifikanten Daten über körperliche Gewalt". Wobei er klar zu verstehen gibt, wie er dazu steht: "Bei aller Provokation darf das nicht passieren. Das ist ein pädagogisches Armutszeugnis."Dennoch sieht Kessler Handlungsbedarf bei der Ausbildung und speziell der Fortbildung von Lehrern. Es müsse ein stärkerer Schwerpunkt darauf gelegt werden, wie mit gewaltbereiten Schülern umzugehen ist: "Wenn sich die Gesellschaft verändert, muss sich auch die Schule verändern." Das bestätigt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung: "In den Klassenzimmern sitzen heute viele Kinder, die nie gelernt haben, sich an Regeln zu halten." Auch Lehrer würden oft das Opfer von verbalen und auch handgreiflichen Attacken ihrer Schüler.Auch im saarländischen Bildungsministerium scheint das Problem gesehen zu werden. Im September startet eine Fortbildungsreihe zum "effektiven Umgang mit Stress und Konflikten im schulischen Alltag". "Wenn sich die Gesellschaft verändert, muss sich auch die Schule verändern." Klaus Kessler, GEW im Saarland