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"Wenn ich sterbe, gehe ich ins Paradies"

"Wenn ich sterbe, gehe ich ins Paradies"

Es war ein gewaltiger Feuerhagel, der das Wohngebiet in Toulouse erschütterte, in dem sich der Mann verschanzt hatte, der zu Frankreichs "Staatsfeind Nummer eins" geworden war: Mohamed Merah, der "Roller-Mörder von Toulouse".Sein letzter Kampf war gewaltsam und ungleich - wie die vorherigen

Es war ein gewaltiger Feuerhagel, der das Wohngebiet in Toulouse erschütterte, in dem sich der Mann verschanzt hatte, der zu Frankreichs "Staatsfeind Nummer eins" geworden war: Mohamed Merah, der "Roller-Mörder von Toulouse".Sein letzter Kampf war gewaltsam und ungleich - wie die vorherigen. Hatte er bei seinen Attentaten Soldaten von hinten erschossen, Kinder und einen Rabbiner kaltblütig hingerichtet, so fand er sich seit Montagnacht umzingelt von einer Elite-Einheit wieder. Mehr als 30 Stunden verschanzte er sich in seiner Wohnung. Gestern Vormittag beendete das Einsatzkommando den Nervenkrieg mit dem 23-Jährigen und stürmte das Haus. Über Nacht war der Kontakt abgebrochen, man befürchtete, Merah habe sich das Leben genommen. Dann aber rannte er aus dem Badezimmer und feuerte auf die Beamten. "Das sind erfahrene Männer, aber sie sagen, einen derart brutalen Angriff haben sie noch nie gesehen", erklärte Innenminister Claude Guéant. Nach einem minutenlangen Schusswechsel sprang der Mann aus dem Fenster. Dort tötete ihn ein Scharfschütze per Kopfschuss. Zwei Polizisten trugen Verletzungen davon. Bei Merah wurde ein großes Waffendepot gefunden.

Er habe "mit der Waffe in der Hand" sterben wollen, hatte er den Beamten gesagt. Er sei kein Märtyrer, sagte der Mann, der sich der Terror-Organisation Al Qaida zugehörig erklärte. Er wolle Rache üben für den Tod an palästinensischen Kindern und das Engagement der französischen Armee in Afghanistan.

Tagelang hatte der Franzose algerischer Abstammung die Region in Panik versetzt, nachdem er am 11. März - dem Jahrestag der Al-Qaida-Anschläge von 2004 in Madrid - einen Fallschirmjäger in Toulouse erschoss, einige Tage später in Montauban zwei weitere Soldaten und am Montagmorgen vor einer jüdischen Schule in Toulouse einen Religionslehrer, dessen beiden Söhne und ein Mädchen. Jeweils nutzte er einen gestohlenen Motorroller als Fluchtfahrzeug und einen Helm als Maskierung. Auf seine Spur kamen die Ermittler durch die IP-Adresse des Computers seiner Mutter, von dem aus er sein erstes Opfer kontaktiert hatte. Der Geheimdienst beobachtete ihn seit Jahren, nach mehreren Aufenthalten in Afghanistan und Pakistan. Doch nichts habe darauf hingewiesen, dass er solche Wahnsinnstaten plante, erklärte Innenminister Guéant. Das sagt auch Merahs Umfeld, das ihn als ruhig beschreibt. Gläubig - aber nicht regelmäßig praktizierend. Ein schmächtiger Kerl, der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geriet, meist wegen Diebstählen oder Autofahren ohne Führerschein. Zuletzt war er arbeitslos. Nach Afghanistan und Pakistan fuhr er auf eigene Kosten und ohne die bekannten Netzwerke. Der Pariser Staatsanwalt François Molins spricht von einem Einzelgänger, der sich tagelang zuhause Enthauptungs-Videos der Al Qaida ansehe. 2008 wurde er zu einer längeren Haftstrafe wegen Raubs verurteilt. "Wir wissen, dass er im Gefängnis begann, sich zu radikalisieren", sagt Molins. Er habe seine Bluttaten gefilmt. "Wenn ich sterbe, gehe ich ins Paradies - wenn ihr sterbt, Pech für euch", erklärt er in einem Video. Laut Medienberichten bekannte sich eine Gruppe von Al Qaida im Maghreb (Aqmi) auf der Internet-Seite Shamikh zu den Attentaten.

Eine ehemalige Nachbarin erhebt schwere Vorwürfe: Merah habe ihre Kinder bedroht und angekündigt, "alle jene auszulöschen, die Muslime töten". Mehrmals habe sie geklagt. Ohne Erfolg. Die Geheimdienste geraten in die Kritik. Wie konnte sich Merah ein riesiges Waffenarsenal zulegen? Ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, sich nach eigener Aussage von den Taliban ausbilden lassen? Außenminister Alain Juppé kündigte an, Schwachstellen überprüfen zu lassen. Präsident Nicolas Sarkozy rief zur Geschlossenheit auf und kündigte eine härtere Verfolgung der Urheber von Hass-Seiten im Internet an. "Einen derart brutalen Angriff haben die Männer noch nie gesehen."

Innenminister Claude Guéant

Meinung

Herausforderung für Frankreich

Von SZ-MitarbeiterinBirgit Holzer

Die grausamen Taten von Toulouse werfen Fragen auf. Zum einen die nach der Fehleinschätzung von Polizei und Justiz, die die Zeitbombe Mohamed Merah nicht erkannten. Zum anderen lässt sich verstärktes Misstrauen gegenüber den Franzosen mit Wurzeln im Maghreb erwarten. Das multikulturelle Frankreich hat ein Problem mit der Integration seiner Einwanderer, aber auch deren Kinder und Enkelkinder, die hier geboren sind. Ein Blick in die meist von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnten Vorstädte genügt, um zu sehen, wie ungerecht Chancen verteilt sind. So entstehen Parallelwelten. Mohamed Merah lebte in einer. Das ist keinesfalls eine Entschuldigung für seine Tat, nicht mal eine Erklärung. Merah hat Frankreich nicht niedergerungen, wie er es vorhatte, aber er zeigt dem Land die Herausforderungen auf. Eine lautet: Nicht mit Ausgrenzung von Gruppen zu reagieren, sondern ihre Eingliederung zu fördern.