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Wenn "Dr. Frankenstein" zur OP-Schere greift

Wenn "Dr. Frankenstein" zur OP-Schere greift

Berlin. Es klingt wie ein schlechter Scherz: Als 2011 an der Heilbronner Klinik am Gesundbrunnen angeblich zum ersten Mal Gerüchte auftauchen, dass einer ihrer Ärzte in den Niederlanden gepfuscht hat, googelt ein Mitarbeiter. Doch die Recherche im deutschsprachigen Internet brachte nichts ein

Berlin. Es klingt wie ein schlechter Scherz: Als 2011 an der Heilbronner Klinik am Gesundbrunnen angeblich zum ersten Mal Gerüchte auftauchen, dass einer ihrer Ärzte in den Niederlanden gepfuscht hat, googelt ein Mitarbeiter. Doch die Recherche im deutschsprachigen Internet brachte nichts ein.Alles in Ordnung, hieß es auch von Seiten der Bezirksregierung im nordrhein-westfälischen Arnsberg. Dort hatte sich der Niederländer als Neurologe 2006 erstmalig angemeldet. Keine Auffälligkeiten, hörte der neurologische Chefarzt in Heilbonn, als er sich bei seinen Kollegen über den Arzt erkundigt hatte.

Doch heute steht fest: Es war längst nicht alles in Ordnung im Berufsleben des Niederländers. In seiner Heimat ist der 67-Jährige besser bekannt als "Dr. Frankenstein". Dort werden ihm Dutzende Fehldiagnosen wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson sowie Untreue vorgeworfen. Mindestens 13 Patienten sollen wegen falscher Befunde unnötig am Gehirn operiert worden sein. Ein Patient soll sich nach einer fälschlichen Alzheimer-Diagnose umgebracht haben.

Ein Mann, der den Fall genau kennt, ist der Europaabgeordnete, Gesundheitspolitiker und Arzt Peter Liese. Denn der Skandal-Mediziner arbeitete in seinem Wahlkreis. Für ihn ist die mangelhafte europäische Zusammenarbeit, gerade beim Informationsaustausch, schuld an solchen Skandalen wie dem des "Dr. Frankenstein".

Ohne ausländische Ärzte kommen vor allem die ländlichen Kliniken in Deutschland längst nicht mehr aus. Die Zahl der gemeldeten ausländischen Mediziner ist laut Bundesärztekammer vergangenes Jahr um 3039 auf 28 355 gestiegen. Bislang sorgten sie vor allem wegen als zu gering kritisierter Sprachkenntnisse für Schlagzeilen. An der Qualifikation der ausländischen Ärzte hat etwa der Verband der Krankenhausdirektoren generell nichts auszusetzen - doch wie kann man schwarze Schafe besser erkennen?

Immer mehr Ärzte arbeiten nicht mehr jahrelang in einer Klinik oder einer Praxis und haben dort entsprechend einen Ruf zu verlieren - sondern sie ziehen fast wie die mittelalterlichen Wanderärzte von Einsatzort zu Einsatzort. Doch die Honorarärzte wollen sich nicht an den Pranger stellen lassen. Gerade ihr Bundesverband mahnt immer wieder an, dass die ärztlichen Approbationen und Zeugnisse überprüfbar sein müssten. Die 17 zuständigen Landesärztekammern in Deutschland seien aber nicht in der Lage zu ausreichender Kommunikation, so der Verband.

Nun hoffen alle auf Europa - nicht nur Liese. Der CDU-Politiker betont, das EU-Parlament habe bereits Ende vergangenen Jahres einem Kommissionsvorschlag über einen neuen Vorwarnmechanismus zugestimmt. Das Papier liegt unserer Zeitung vor. Dort heißt es: "Die zuständigen Behörden im Aufnahme- und im Herkunftsmitgliedstaat unterrichten sich gegenseitig über das Vorliegen disziplinarischer oder strafrechtlicher Sanktionen oder über sonstige schwerwiegende, genau bestimmte Sachverhalte, die sich auf die Ausübung der in dieser Richtlinie erfassten Tätigkeiten auswirken könnten." Auch Rudolf Henke, der Chef der Ärzteorganisation Marburger Bund, fordert nun die rasche Umsetzung des entsprechenden Vorschlags der EU-Kommission: Die EU-Staaten sollen andere Staaten vorwarnen, wenn ein auffällig gewordener Arzt die Zulassung in einem Land verliert. "Bisher ist der Informationsaustausch zwischen den europäischen Mitgliedstaaten und auch zwischen den Behörden im Inland noch sehr unterentwickelt."

Ob dadurch in Deutschland allen Möchtegern-Ärzten das Handwerk gelegt werden kann, bleibt dennoch fraglich. Hierzulande können die kassenärztlichen Vereinigungen einem Arzt die Zulassung entziehen. Der Entzug wird sogar im Bundeszentralregister erfasst. Doch es gibt immer wieder Fälle, in denen es Mediziner mit krimineller Energie in die Patientenversorgung geschafft haben. Schlagzeilen aus den Vorjahren zeichnen zumindest ein erschreckendes Bild: "Arzt nach fünf Jahren Arbeit ohne Approbation vor Landgericht Coburg", "Falscher Arzt arbeitete jahrelang in Drogentherapie in Kelkheim", "Friseur praktiziert fast 20 Jahre als Arzt in Bayern".

"Dr. Frankenstein" wurde vor wenigen Tagen entlassen. Die Heilbronner Klinik lässt nun von einem externen Gutachter die Diagnosen des Niederländers überprüfen. Wie viele es sind, blieb zunächst unklar.