Wenn die Schuldenfalle wieder zuschnappt

Berlin/Saarbrücken · Eine Studie bescheinigt jungen Menschen in Deutschland prinzipiell einen guten Umgang mit Geld. Dennoch sind hunderttausende schon früh verschuldet.

Wie konnte das bloß passieren? Nur hier ein bisschen telefoniert und da ein paar SMS verschickt. Oder waren es vielleicht doch mehr? Denn plötzlich stand die Horror-Summe von 2500 Euro auf der Handy-Rechnung - und der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Dass schon junge Menschen in die Schulden-Falle tappen, das erlebt Schuldner-Berater Matthias Wafzig von der Verbraucherzentrale Saar immer wieder. "Ich hätte da mal ein Problem", sagen sie, wenn sie bei Wafzig im Büro sitzen, und wirken nach außen hin noch ganz cool. Doch der Berater weiß, dass hinter der Fassade oft Verzweiflung und Beschämung verborgen liegen. "Die meisten Menschen sind mit ihren Schulden überfordert."

Neben Handy-Verträgen sind es laut Wafzig oft auch die offensiv beworbenen Raten-Finanzierungen, die junge Menschen ab 18 Jahren ins Minus treiben. Der Flachbild-Fernseher, ein Bett oder die Küche für die erste eigene Wohnung - da hat man sich schnell übernommen. Zumal wenn junge Leute in der Ausbildung noch wenig verdienen oder danach keine feste Stelle bekommen und arbeitslos werden. "Auch Internet-Abzocke mit versteckten Kosten ist nach wie vor ein Problem", sagt der Berater. Auch wenn es dagegen bereits Gesetze gibt.

Durch Bankkredite verschulden sich junge Leute nach Wafzigs Erfahrung eher selten. Das bestätigt auch der neue Kredit-Kompass, den die Auskunftei Schufa gestern in Berlin vorgestellt hat. Für Anschaffungen wie Auto oder Möbel nimmt in Deutschland laut einer Befragung knapp jeder fünfte (18 Prozent) der 18- und 19-Jährigen einen Kredit auf. Nur die wenigsten haben ein Problem mit der Tilgung. Ihre Rückzahlungsquote lag 2012 den Schufa-Daten zufolge bei 96,6 Prozent. Der Durchschnitt aller Deutschen liegt kaum höher - bei 97,5 Prozent. Auch die Bank 1 Saar bescheinigt jungen Menschen "ein überdurchschnittlich solides Verhalten, was den Umgang mit Krediten anbetrifft". Die Höhe der Kredite entspreche den finanziellen Verhältnissen, erklärt Marketingleiter Herbert Herget.

Dennoch gibt es eine Tendenz zur Verschuldung bei jungen Menschen, sagt Wafzig. "Sie wollen sich belohnen oder verstehen nicht genau, wie finanzielle Angelegenheiten funktionieren." Im Jahr 2011 betreute die Schuldner-Beratung der Verbraucherzentrale Saar 59 Personen zwischen 20 und 30 Jahren. Das ist fast ein Drittel aller Betreuten (184). Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung waren im vergangenen Jahr 6,6 Millionen Deutsche überschuldet. 216 000 Schuldner waren jünger als 20 Jahre, jeder Fünfte von ihnen hat mehr als 10 000 Euro Schulden.

Oft reicht eine Unterschrift für den Schritt in die Schulden. "Man wird 18 und freut sich tierisch, endlich Verträge machen zu dürfen", blickt ein Auszubildender in einem Internetforum zurück. Zuerst schloss er einen Handyvertrag ab, es folgten Abos. "Dann wurde das Thema Kreditkarten immer interessanter. Ich beantragte mir also eine Kreditkarte." Drei Wochen später war der Lehrling mit mehr als 1300 Euro im Minus. "Ich habe zu wenig drauf geachtet. Hier mal 50 Euro bar abgeholt, da mal Essen mit Freundin, da ne neue CD etc. Häuft sich ja in drei Wochen etwas an. Nun habe ich ein Problem. Wie werde ich die verdammten Schulden los?"

Diese Frage stellen auch die Menschen, die zur Schuldner-Beratung der Verbraucherzentrale kommen. "In der Regel versuchen wir, einen Ratenzahlungsvergleich zu erreichen, bei dem die Kosten reduziert werden", sagt Wafzig. Manchmal könnten auch die Eltern aushelfen. Damit junge Leute aber überhaupt nicht erst in die Schulden-Falle tappen, fordert der Berater bessere Aufklärung und Präventionsarbeit: "Das kann nur über Schulen, Vereine oder Sozialarbeiter laufen." In der Saar-Lor-Lux-Region wurde ein von der EU gefördertes Projekt gegründet, das dafür Materialien erarbeitet.

Dass Jugendliche zu wenig über Finanzen wissen, obwohl viele von ihnen regelmäßig sparen, hat auch die Schufa festgestellt. Demnach fühlt sich nur ein Drittel gut informiert über Geld-Angelegenheiten. Nur 44 Prozent gaben an, immer einen Überblick über die eigenen Ausgaben zu haben.

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StichwortDie Schufa wurde 1927 unter dem Namen "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung" gegründet. Ziel ist es, Daten zur Kreditwürdigkeit von Käufern zu sammeln und zu liefern. 2011 verfügte die Schufa nach eigenen Angaben über 514 Millionen Datensätze zu 66 Millionen Menschen in Deutschland. Dabei geht es unter anderem um die Zahl der Konten, abbezahlte oder problematische Kredite. Die Informationen stammen von Banken und Firmen. Will der Kunde etwa ein Auto auf Raten kaufen, fragt der Händler bei der Schufa nach diesen Daten. Nur wenn die Bonität ausreicht, lässt sich das Unternehmen auf das Geschäft ein. dpa

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