Wenn die Hölle zum schrecklichen Alltag wird

Harare. Gideon Gono ist einer der Wenigen in Simbabwe, die sich auf Weihnachten freuen können: Der Chef der Zentralbank des ruinierten Landes kann rechtzeitig zum Fest in sein neues Haus in Harares Villenviertel Borrowdale Brook einziehen. Der schlossartige Palast hat 47 Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad

 In einem Vorort der Hauptstadt Harare wird ein Kind auf einer Schubkarre in eine Klinik mit Cholera-Station gebracht. Über 1100 Opfer hat die Seuche nach offiziellen Angaben bislang gefordert. Fotos: dpa

In einem Vorort der Hauptstadt Harare wird ein Kind auf einer Schubkarre in eine Klinik mit Cholera-Station gebracht. Über 1100 Opfer hat die Seuche nach offiziellen Angaben bislang gefordert. Fotos: dpa

Harare. Gideon Gono ist einer der Wenigen in Simbabwe, die sich auf Weihnachten freuen können: Der Chef der Zentralbank des ruinierten Landes kann rechtzeitig zum Fest in sein neues Haus in Harares Villenviertel Borrowdale Brook einziehen. Der schlossartige Palast hat 47 Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad. Gono hat sich einen gläsernen Swimming-Pool, der von unten beleuchtet werden kann, einen Fitnessraum, der größer ist als die meisten Häuser der normalen Simbabwer, einen Theatersaal und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem einbauen lassen, das unerwünschten Besuchern den Zugang verwehrt. Aber der Zentralbankchef ist noch unsicher, ob er Weihnachten dort feiern soll - oder ob er mit seiner Familie zum jährlichen Urlaub in ein Luxus-Hotel nach Malaysia fliegt.

"Wütend machen mich solche Geschichten nicht mehr, dazu bin ich zu erschöpft und zu kraftlos", sagt die 70-jährige Cornelia in Simbabwes Armenviertel Mbare. "Ich kann nur noch weinen und beten." So wie Cornelia geht es den meisten Simbabwern an diesem Weihnachtsfest 2008, dem schlimmsten in der Geschichte des Landes im südlichen Afrika. "Wir kämpfen jeden Tag buchstäblich ums Überleben", sagt Antoni, ein 67-jähriger Anwalt. "Wir haben kein Essen, kein Wasser. Dazu die Cholera. Unsere Kinder und Enkel sterben uns einfach vor unseren Augen weg." Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die Tragödien, die in allen Teilen des geschundenen Landes schrecklicher Alltag geworden sind. Da ist die Geschichte von Palimaga Malani, einer blinden, fast 70-jährigen Witwe in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bulawayo. Sie hat an diesem Weihnachtsfest sieben Kinder aufgenommen, deren Eltern an Aids gestorben sind. "Ich bin selbst hungrig", sagt sie. "Aber ich hoffe, dass wir von unserer Kirchengemeinde Lebensmittel bekommen, damit ich den Kleinen wenigstens am Weihnachtsfest etwas zu essen geben kann." Das Haus, in dem sie lebt, ist kaum größer als ein begehbarer Kleiderschrank in Gonos Villa.

Am Tag, an dem Simbabwes Diktator Robert Mugabe verkündete, die Cholera sei besiegt, kam Manuel Chigudu abends müde von der Arbeit nach Hause nach Budiriro, einen Vorort Harares, wo die Seuche mit am schlimmsten wütet. Doch statt des gewohnten Kinderlachens empfing ihn Grabesstille: Sein zehnjähriger Sohn Samuel, seine zwölfjährige Tochter Shantal und Clopas, sein achtjähriger Sohn, waren an der der tödlichen Durchfall-Erkrankung gestorben. Die fünfjährige Prisca und das 20 Monate alte Baby Ayisha starben wenige Stunden später. Chigudus Schwiegermutter und seine Schwägerin, die bis zuletzt um das Leben der Kinder gekämpft hatten, erlagen der Krankheit zwei Tage später. "Wir konnten nichts tun", schluchzt der erschütterte Vater. Seine Frau hat er zu Verwandten gebracht. Sie ist angesichts des schrecklichen Sterbens ihrer fünf Kinder zusammengebrochen.

Aus der Grenzregion zu Mosambik um die Stadt Mutare wird die Tragödie einer 23 Jahre alten Mutter berichtet, die ihre siebenjährige Tochter in einer Schubkarre zum nächsten Krankenhaus brachte, das eine Cholera-Station hat. Als sie nach zwölf Stunden dort ankam, war das Kind tot, gestorben an der Seuche und an Malaria.

Hohn und Spott

"Die Cholera ist nur eins", sagt Meine Nicolai, die für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Simbabwe arbeitet. "Aber es sterben hier auch täglich 400 Menschen an Aids." Zwei Drittel aller Erwachsenen und 40 Prozent der unter fünf Jahre alten Kinder fallen nach Ermittlungen der Weltgesundheitsbehörde Aids-bedingten Krankheiten zum Opfer. Mit Beginn der Regenzeit bereitet sich das Land zusätzlich auf eine Malaria-Epidemie vor.

Doch den Diktator Robert Mugabe rührt das alles nicht. Er und die Clique um ihn herum kämpfen mit allen Mitteln um die Macht. "Ich bin Simbabwe", prahlte er bei der jährlichen Konferenz seiner Zanu-PF-Partei. Für die Forderungen, ihn notfalls mit Gewalt zu stürzen, hatte er nur Hohn und Spott: "Ich kenne kein einziges afrikanisches Land, das mutig genug dazu wäre." Aber er spürt, dass ihm die Macht allmählich entgleitet. Alarmiert sind Mugabe und sein engster Führungszirkel vor allem durch ein Attentat auf Luftwaffenmarschall Perence Shiri, der in der vergangenen Woche in seinem Wagen in der Nähe von Harare angeschossen worden ist. Shiri, einer der gefürchtetsten Schlächter des Regimes, ist ein Cousin und enger Vertrauter Mugabes. Insider sind auch davon überzeugt, dass der angebliche Autounfall des Zanu-Politkommissars Elliot Manyika in der Woche zuvor in Wirklichkeit ein politischer Mord war - ausgeführt von rivalisierenden Fraktionen der Zanu-PF, die ums politische Überleben in der Nach-Mugabe-Ära kämpfen.

In der vergangenen Woche lieferten sich zerstrittene Parteiflügel vor dem Zanu-PF-Hauptquartier in Harare sogar öffentlich so heftige Straßenschlachten, dass die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen eingreifen musste. Und Mugabe? Er schlägt zurück. In den vergangenen vier Wochen hat er erneut über 20 Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und Dutzende Anhänger der Oppositionspartei MDC verschleppen lassen. Niemand weiß, wo sie sich befinden.

"Kräftig beten"

Die 70-jährige Salome in Mbare allerdings ist sicher: "Sie werden irgendwo gefoltert, geschlagen, misshandelt." Sie weiß, wovon sie spricht: Nach den Präsidentschaftswahlen im Juni war die engagierte MDC-Anhängerin ebenfalls entführt worden. Mugabes gefürchtete Geheimpolizei hatte sie tagelang geprügelt und ihr die Hände zerschlagen. Sie sind heute noch verkrüppelt. Doch den Mut hat die alte Dame nicht verloren: "Wir gehen durch eine schlimme Prüfung. Aber wir werden siegen." Sie ist voller Hoffnung: "Weihnachten 2009 wird es Mugabes Regime nicht mehr geben. Dann können wir wirklich feiern." Sie zögert einen Augenblick. Dann fügt sie hinzu: "Aber darum müssen wir noch kräftig beten."

Hintergrund

Zur Bekämpfung der Cholera ist in Simbabwe erstmals eine Maschine mit medizinischen Hilfsgütern eingetroffen. Wie das Kinderhilfswerk Unicef gestern mitteilte, wurden Mittel zum Kampf gegen die Auszehrung und zur Notversorgung von Schwangeren geliefert. Cholera-Kranke verlieren durch Durchfall und Erbrechen in kurzer Zeit literweise Flüssigkeit. Vor allem Babys und Schwangere sterben, weil sie den Belastungen nicht gewachsen sind. afp

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