Weg vom Klischee der „Wurstesser“

London · Das deutsch-britische Verhältnis litt stets unter der Vergangenheit. Seit einigen Jahren aber genießt Deutschland zunehmend Bewunderung bei den Menschen auf der Insel. Eine Ausstellung soll nun diesen Blick noch erweitern.

Vor wenigen Tagen ging der VW Käfer in die Geschichte ein: Der deutsche Klassiker wurde im British Museum geparkt, und nun wartet das Modell aus dem Jahr 1953 darauf, dass auch alle anderen Stücke für die Ausstellung "Erinnerungen einer Nation" drapiert werden. Ein Nashorn aus Meissener Porzellan zum Beispiel, Münzen, eine Seite aus der Gutenberg-Bibel sowie die Bratwurst - mithilfe von Objekten und Kunstwerken aus 600 Jahren soll den Briten ab Donnerstag ein neues Deutschlandbild vermittelt werden.

Weg vom wenig netten Klischee der freudlosen "Krauts", weg vom Stereotyp der Urlauber, die im Morgengrauen ihre Sonnenliegen mit Handtüchern reservieren. Das British Museum möchte zudem ein Deutschland präsentieren, das über die Nazi-Zeit hinausgeht - ein Thema, das vor allem die Boulevardzeitungen gerne aufgenommen haben, um mit Panzer-, Blitzkrieg-, oder Hitler-Schlagzeilen Auflage zu machen. "Das Image der deutschen Geschichte, das sich auf den Zweiten Weltkrieg fokussiert, wird in Großbritannien ständig wieder neu aufgebaut", beklagt Museumsdirektor Neil MacGregor. Der 68-Jährige ist ein Deutschlandkenner und arbeitet an der Aktualisierung des Deutschlandbilds. "Es ist eines der tragischen Dinge des 20. Jahrhunderts: Vor 100 Jahren hätte jeder von uns so viel über die deutsche Kultur und Geschichte gewusst", sagt er. 1945 habe all dies aufgehört. Dabei könne man die Welt "heute nicht mehr begreifen, ohne auch ein bisschen zu verstehen, wie die Deutschen die Dinge sehen".

Um das Verständnis bei den Briten für die Bundesrepublik zu erweitern, erklärt er zusätzlich zur Ausstellung seit Anfang Oktober jeden Morgen im BBC-Hörfunk um 9.45 Uhr die "Wurstesser". Eine hochgelobte Serie aus 30 Nachhilfe-Einheiten à 15 Minuten, in denen die Historie des Brandenburger Tors und des Reichtags genauso wie Gerhard Richter , Franz Kafka oder Grimms Märchen beleuchtet werden. "Dies ist ein neues Land, und ein neues Land braucht eine neue Geschichte", findet der Museumsdirektor.

Zustimmung erfährt er von einem Landsmann, der sich als britischer Botschafter ebenfalls ein innigeres Verhältnis wünscht. "Häufig entsteht der Eindruck, zwischen unseren beiden Ländern besteht keine Liebe, eher eine Vernunftehe", sagte Sir Simon McDonald. Er hofft, dass die Schau ihren Teil dazu beitrage, dass die Briten Deutschland stärker zu schätzen wissen.

Dabei erweitert sich der Kreis der Deutschlandfans auf der Insel seit Jahren ständig, vor allem dank der Wirtschaft, die die Finanzkrise relativ gut weggesteckt zu haben scheint, dank Angela Merkel, die von vielen als durchsetzungsstarke und mächtige Frau - "nicht wie unsere Politiker" - wahrgenommen wird und dank der Nationalmannschaft, die in den vergangenen Jahren für Begeisterung sorgte. Es sei in Ordnung, Deutschland zu mögen, zu bewundern und von dem Land zu lernen, versicherte kürzlich der "Guardian" in einem Loblied auf Germania. Politisch, wirtschaftlich und ja, auch sportlich. "Man weiß nie: Wenn wir es tun, könnten wir auf dem langen Weg sein, endlich einmal wieder die Fußball-WM zu gewinnen."

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