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„Was wir heute erleben, ist altes Denken“

„Was wir heute erleben, ist altes Denken“

100 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo, Auslöser des als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichneten Ersten Weltkriegs, schlägt Bundespräsident Joachim Gauck den Bogen in die heutige Zeit.

In den vergangenen Wochen hat Bundespräsident Joachim Gauck klare Worte nicht gescheut. Seine Forderung, dass Deutschland mehr Verantwortung übernehmen müsse, als letztes Mittel auch militärisch, hallt nach. Zumal einige Linke ihn deswegen sogar als "widerlichen Kriegshetzer" beschimpft haben. Im Großen Saal von Schloss Bellevue werden also die Ohren besonders gespitzt, als Gauck auf dem Podium das Wort ergreift. Denn es geht wieder um Krieg, und zwar um die "Urkatastrophe" des Ersten Weltkriegs, die mit dem Attentat von Sarajevo vor 100 Jahren begann.

Ziemlich zur Mitte seiner Ansprache schlägt er den Bogen vom Ersten Weltkrieg in die heutige Zeit. Er fragt, ob Europa wieder zurückfalle "in eine Politik von Konfrontation und Gewalt". Gemeint ist der Ukraine-Konflikt. "Was wir heute erleben", so Gauck, "ist altes Denken in Macht- und Einflusssphären - bis hin zur Destabilisierung fremder Staaten und zur Annexion fremder Territorien". Der Präsident rät dazu, sich zu positionieren: "Das Bekenntnis zu den Werten der Aufklärung und der Zusammenhalt der westlichen Demokratien" seien heute so notwendig wie nie. Standhaftigkeit und Mut, das scheint der 74-Jähirge von der Europäischen Union zu erwarten.

Leichter gesagt als getan. Denn Europa steckt derzeit in vielen Krisen. Es herrscht EU-Frust bei zahlreichen Bürgern, die populistischen und europakritischen Kräfte werden stärker. Gauck kann sich einige Seitenhiebe nicht verkneifen - ohne Namen zu nennen. Es gebe immer mehr Stimmen, die mehr Nationalstaat zulasten der europäischen Integration wollten, so der Präsident. Jeder im Saal weiß, wer gemeint ist: der britische Premier David Cameron zum Beispiel. "Aber der Rückzugsraum Nationalstaat, von dem manche träumen, er existiert so gar nicht mehr." Und Gauck ergänzt: "Unsere aktuellen Probleme können wir nicht durch Ausstieg oder Ausgrenzung lösen."