Was bringt Gesundheistminister Jens Spahns Schneller-Drankommen-Gesetz beim Arzt?

Arzttermine : Was bringt Spahns Schneller-Drankommen-Gesetz?

Für viele gesetzlich Versicherte ist es ein immer wieder frustrierender Kassen-Unterschied: Ein Termin beim Facharzt ist für sie erst Monate später frei, Privatpatienten kommen aber schon nächste Woche dran.

So etwas passiere nicht überall, sagt auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Aber zu oft. Just zum ersten Jahrestag ihres Bestehens hat die große Koalition nun eine Palette konkreter Maßnahmen besiegelt, um gegenzusteuern.

Wo ist das Problem?

Lange Wartezeiten sind ein Aufreger. Dabei ist die Situation nicht überall gleich, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in einer Studie ermitteln ließ: Auf Facharzttermine musste fast ein Drittel der Befragten nach eigener Auskunft mehr als drei Wochen warten. Bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten geht es schneller als bei Urologen und Frauenärzten.

Was soll sich in den Praxen ändern?

Kassenärzte müssen künftig 25 statt 20 Stunden in der Woche für gesetzlich Versicherte da sein – in der Praxis oder bei Hausbesuchen. Dabei sagen viele, dass sie das längst tun und im Schnitt schon mehr als 50 Stunden arbeiten. Diese Ärzte sollten vor Kollegen geschützt werden, die ihren Arztsitz nicht voll ausfüllen, argumentiert Spahn. Bei Augen-, Frauen- und HNO-Ärzten muss es künftig fünf Stunden pro Woche offene Sprechzeit geben – auch als eine Art Überlaufventil für spontane Fälle. Mediziner warnen, das könne zu langem Rumsitzen im Wartezimmer führen. „Staatliche Vorgaben zur Praxisführung helfen niemandem, sie halten aber junge Ärztinnen und Ärzte von einer Niederlassung ab“, moniert Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery.

Was ist bei der Terminvermittlung vorgesehen?

Schon seit 2016 gibt es „Terminservicestellen“ der Kassenärztlichen Vereinigungen, die telefonisch Termine bei Fachärzten binnen vier Wochen vermitteln. Je nach Bundesland haben sie aber andere Nummern und sind an unterschiedlichen Tagen zu diversen Uhrzeiten erreichbar. Ab 1. Januar 2020 soll bundesweit gelten: Jeden Tag, rund um die Uhr, unter der Nummer 116 117, auch online und per Handy-App. Zusätzlich kommen sollen Termine bei Haus- und Kinderärzten.

Wie sollen Ärzte angespornt werden?

Zum Beispiel mit mindestens zehn Euro extra, wenn ein Hausarzt bei der Überweisung gleich dafür sorgt, dass man einen dringenden Termin beim Facharzt bekommt. Extra honoriert werden soll auch, wenn Ärzte neue Patienten in der Praxis aufnehmen. Dadurch könnte aber die Höhe des Arzthonorars über Wartezeiten entscheiden, warnt der Chef des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, Klaus Müller. Chronisch Kranke und alte Menschen, die schon in Behandlung sind, bräuchten ihren Arzt oft häufiger, mahnt auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Sie könnten schwieriger Termine bekommen.

Was kostet das alles?

Auf die gesetzlichen Krankenkassen, die bisher schon 40 Milliarden Euro im Jahr für Arzt-Honorare zahlen, dürften Mehrausgaben von bis zu 800 Millionen Euro zukommen. Grüne und Linke wettern, das sei zu teuer und Klientelpolitik. „Wer mehr behandelt, soll auch entsprechend besser vergütet werden“, rechtfertigt das Spahn und verweist auf dicke Finanzpolster vieler Kassen.

Was soll sich bei der Digitalisierung ändern?

Mit dem Gesetz will Spahn auch Tempo für neue digitale Angebote machen. Es schreibt die Einführung freiwilliger E-Patientenakten bis spätestens 2021 fest – nachdem das Gezerre um mehr Funktionen für die elektronische Gesundheitskarte so etwas wie „der Berliner Flughafen des Gesundheitswesens“ geworden sei. Das Ministerium übernimmt dafür nun 51 Prozent der Gematik-Gesellschaft, die sich auch um den Aufbau einer Datenautobahn kümmert. Ab 2021 soll es auch Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen („gelbe Scheine“) bei längerer Krankheit digital geben.

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